Welternährungstag: Bis zu einer Milliarde Menschen hungern

Hilfsorganisationen fordern Recht auf Nahrung ein – Oberkirchenrat Schiefermair: Hunger ist kein Schicksal

Wien (epd Ö) – Zum Welternährungstag am 16. Oktober haben Hilfsorganisationen auf die „dramatische Dimension“ im Kampf gegen den Hunger aufmerksam gemacht. Ein regelmäßiger internationaler Bericht soll künftig „Staaten auf die Finger schauen“, ob das Menschenrecht auf Nahrung, zu dem sie sich verpflichtet hätten, auch eingehalten werde, sagte Martin Wolpold-Bosien von FIAN International bei einem Pressegespräch in Wien. Unter dem Titel „Right to Food and Nutrition Watch“ wurde die erste Ausgabe des Berichts der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit diesem Report soll Druck auf politische EntscheidungsträgerInnen auf nationaler und internationaler Ebene aufgebaut werden, damit das Menschenrecht auf Nahrung entsprechend berücksichtigt werde. Entstanden ist der Bericht unter der Federführung von FIAN (Food First Information and Action Network), unterstützt wurde die Menschenrechtsorganisation dabei von den evangelischen Hilfswerken „Brot für die Welt“ in Deutschland und ICCO (Kirchliche Organisation für Entwicklungszusammenarbeit) in Holland.

Die Welternährungskrise sei nicht neu, die Dimensionen hätten sich verändert, so Wolpold-Bosien: „Noch nie hat es so viele unterernährte Menschen gegeben wie heute.“ Von den internationalen Zielen, etwa die Zahl der Hungernden zu halbieren, hätten sich die Staaten meilenweit entfernt. Nationale wie internationale Politik fahre „wie betrunken von einer Krise zur nächsten“, befand der Experte.

Dass die Rezepte der Vergangenheit nichts bewirkten, sei hinlänglich erwiesen, sagte Irmi Salzer von Via Campesina, einem internationalen Dachverband von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen. Die massive Investitionswelle in Agrotreibstoffe könne weder das Problem des Klimawandels noch die Energiekrise lösen. Vielmehr bedeute die Produktion von Agrotreib-stoffen eine ernste Gefahr für die Nahrungsmittelproduktion von Kleinbauern und -bäuerinnen und für die Erlangung von Ernährungssouveränität, weil die eigenen Flächen nicht mehr für die Produktion von Nahrungsmitteln zur Verfügung stehen. Salzer forderte einen Paradigmenwechsel, weg von der industriellen Landwirtschaft, dem Einsatz von Gentechnik und der in ihren Augen falschen EU-Agrarpolitik. „Die EU muss aufhören, ihre Lebensmittel zu Dumpingpreisen im Süden und Osten abzusetzen und damit die Lebensgrundlage der Bauern vor Ort zu zerstören. Die Profitlogik darf nicht schwerer wiegen als die Überlebenschancen von Millionen Menschen“, so die Landschaftsplanerin und Biobäuerin.

Dass „Essen längst keine Privatangelegenheit“ sei, darauf verwies der evangelische Oberkirchenrat Karl Schiefermair. „Was ich esse, hat Auswirkung auf andere, auf die Politik, auf Felder und auf Bankkonten“, so das Mitglied der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung. Es gehe darum, diese Zusammenhänge zu lernen, der Bericht leiste hier wichtige Bewusstseinsarbeit. Hunger sei kein Schicksal, „Hunger wird gemacht“. Die Verteilung laufe von den Armen zu den Reichen. Dass derzeit weltweit Milliarden zur Rettung von Banken aufgewendet werden, seit Jahren aber diese Mittel angeblich für die Bekämpfung des Hungers fehlten, ist für den Oberkirchenrat „beschämend“. Schiefermair verwies darauf, dass auch die nächste evangelische Synode im November zur Problematik der Agrotreibstoffe Stellung nehmen werde.

Derzeit ist FIAN in 20 Ländern aktiv, erzählte die Vorsitzende von FIAN International, Sigrun Skogly. Seit 1986 unterstütze FIAN lokale Initiativen und betreibe politische Arbeit, gewissermaßen als „Wachhund“, um das Recht auf Nahrung einzufordern, betonte Skogly bei dem Pressegespräch in Wien.

ISSN 2222-2464