Wechsel zwischen Kirche und Politik

Bünker: Vom evangelischen Amtsverständnis her für Evangelische möglich – Vorbehalte gegen ein politisches Engagement theologisch nicht argumentierbar

Wien, 06. November 2002 (epd Ö) „Rund um den Wechsel von Gertraud Knoll von der Kirche in die Politik war die Meinung zu hören, sie hätte damit die Kirche und ihre kirchlichen Funktionen missbraucht. Dahinter stehen offenkundig Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Kirche und Politik, die mit evangelischem Selbstverständnis schlicht nichts zu tun haben.“ Das schreibt der evangelische Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker in seiner Kolumne der Wochenzeitung „Die Furche“. Sowohl vom Kirchen- wie vom Amtsverständnis her sei für Evangelische ein Wechsel zwischen Kirche und Politik möglich. Vielmehr könne er sogar „Ausdruck einer recht verstandenen Zwei-Reiche Lehre im Sinne Luthers sein.

Vorbehalte gegen ein politisches Engagement von Vertretern der evangelischen Kirche können nicht theologisch begründet werden, meint Bünker, der diese Stimmen als „typisch österreichisch“ bewertet. Ihre Wurzeln, so das Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung, liegen in der Geschichte Österreichs. Bünker: „Offensichtlich bedienen sich manche gerne dieser historischen Mottenkiste und zeigen sich an einer sachlichen Diskussion wenig interessiert. Sonst müsste ja folgerichtig die Frage gestellt werden, ob alle Lehrerinnen und Lehrer, die in die Politik gingen, damit das österreichische Schulsystem missbraucht haben?“

Bünker erinnert an den evangelischen Pfarrer Heinrich Albertz, der als Politiker bekannt wurde. Albertz war Pfarrer der Bekennenden Kirche und trat früh der SPD bei. Durch sein Engagement für Flüchtlinge und Heimatvertriebene kam er in die Politik, wurde Flüchtlingsminister und Mitglied im Bundesvorstand seiner Partei. Am Höhepunkt seiner politischen Karriere war Albertz Bürgermeister von Berlin. Nach seinem Rücktritt im Jahr 1967 – Albertz hatte die politische Verantwortung übernommen, nachdem der Demonstrant Benno Ohne-sorg von der Polizei erschossen wurde – war er auf eigenen Antrag wieder als Pfarrer in Berlin tätig. „Albertz war unbequem, nicht nur dem politischen Gegner, auch seiner Kirche und vor allem seiner eigenen Partei“, schreibt Bünker.

ISSN 2222-2464