Viola Raheb: „Die abrahamitischen Religionen haben keine gemeinsame friedliche Wurzel“

Podiumsdiskussion der Evangelischen Akademie Wien über die Rolle der Religionen im Nahen Osten

Wien (epd Ö) – Kritik am „Mythos Abraham“ übte die palästinensische evangelische Theologin Viola Raheb auf einer Diskussion zum Thema „Was können die Religionen für den Frieden im Nahen Osten tun?“ am 18. Juni im Albert Schweitzer Haus in Wien. In der Podiumsdiskussion, zu der die Evangelische Akademie Wien geladen hatte, erklärte Raheb, Abraham sei eine „patriarchale Gestalt“, deren Frauen und Kinder miteinander Konflikte gehabt hätten. Die so genannten abrahamitischen Religionen hätten somit keine gemeinsame friedliche Wurzel.

Raheb kritisierte auch, dass die Religionen im Nahen Osten eine „identitätsstiftende Rolle“ übernommen hätten, die ihnen früher nicht zugekommen sei. Zudem sei ihr Dialog „auf Dogmatik ausgerichtet“.

Die Theologin forderte dagegen, die Religionen müssten einen „Sitz im Leben“ haben. „Wir müssen lernen, die Schöpfung Gottes im Anderen zu erkennen“, betonte die Rednerin, „wir müssen Frieden schaffen in unseren eigenen Kirchen und Religionen.“ Internationale Konferenzen von Kirchenführern und gemeinsame Absichtserklärungen, so die Palästinenserin, sind dabei nicht zielführend. Vielmehr müssten die Religionen „heiße Eisen anfassen“. Sie dürften nicht, wie das in den letzten Jahren geschehen sei, „das Feld den Fundamentalisten überlassen“.

Jüdische Reformgemeinde: Für Überprüfung des Koran und des Neuen Testaments

Eine Zehn-Punkte-Charta zum Frieden im Nahen Osten präsentierte der Präsident der Jüdischen Reformgemeinde Or Chadasch, Theodor Much, bei der emotional geführten Diskussion. Die Charta enthält die Forderungen nach Akzeptanz des/der Anderen, nach der Trennung von Staat und Religion sowie nach einer Überprüfung und Neuinterpretation des Koran und des Neuen Testaments auf antisemitische oder allgemein gegen andere Religionen gerichtete Aussagen. Much erinnerte auch an jüdische NGOs wie die „Rabbis for Human Rights“, die sich für die Rechte aller Streitparteien im Nahen Osten einsetzen.

Darüber, ob Religionen etwas zum Frieden beitragen können, äußerte sich Mouddar Khouja von der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen skeptisch. Der persönliche Referent des Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich vermutete, das sich nichts ändern werde, „bevor nicht das Unrecht an den Palästinensern benannt wird und Israel seine Grenzen klar definiert hat“.

ISSN 2222-2464