Verstimmung im ÖRKÖ über Separatkontakte Vatikan-Moskau

Warnung vor Isolierung der Protestanten und Spaltung der Ökumene in Europa

Wien (epd Ö) – Für Verstimmung hat im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) das jüngste Wiener Treffen der römisch-katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche gesorgt, das unter dem Leitspruch „Europa eine Seele geben“ stand. „Es bedarf dringend der Klärung, ob das Übergehen der anderen christlichen Traditionen bedeutet, dass diese nicht geeignet erscheinen, Europa eine Seele zu geben“, heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung des ÖRKÖ-Vorstands.

Es könne wohl nicht das Ziel der Organisatoren gewesen sein, „die Kirchen der Reformation zu isolieren und die bestehende konstruktive ökumenische Gemeinschaft in Europa zu spalten“, zeigen sich der ÖRKÖ-Vorsitzende, der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm, und der Vorstandssprecher des Rates, der methodistische Alt-Superintendent Helmut Nausner, besorgt. Für die christlichen Kirchen in Österreich sei es „unverständlich, dass in der heutigen ökumenischen Situation eine Konferenz mit einer europäischen Zielsetzung in ihrem Schlussdokument keine Notiz nimmt von den langen Bemühungen der Konferenz Europäischer Kirchen und des Rats Europäischer Bischofskonferenzen und von der ‚Charta Oecumenica’“. Die Veranstalter der Tagung müssten die Frage beantworten, „wie weit die ‚Charta Oecumenica’ für sie verbindlich ist und bei ihrer weiteren Zusammenarbeit Beachtung finden wird“. Die Charta enthält unter anderem die Verpflichtung, „die Anliegen und Visionen der Kirchen gegenüber den säkularen europäischen Institutionen möglichst gemeinsam zu vertreten“.

Strategische Allianz

Gerade mit Blickrichtung auf den europäischen Einigungsprozess sei auch zu fragen, wie es um die Beziehungen der russisch-orthodoxen Kirche zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel bestellt sei, heißt es in der Erklärung. Nachdem der Wiener russisch-orthodoxe Bischof Hilarion Alfejew bereits im Dezember 2005 öffentlich den Vorschlag unterbreitet habe, eine strategische Allianz zwischen den orthodoxen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche zu bilden, dränge sich beim ÖRKÖ die Frage auf: „War diese Konferenz der erste Schritt in Richtung auf eine solche Allianz? Was für ein missionarisches Konzept steht dahinter, wenn die Rettung Europas von diesen beiden Kirchen gerade auf dem Boden der Kultur begonnen werden soll?“

„Nachdem es nicht um einen theologischen Dialog zwischen den beiden Kirchen gegangen ist (was ganz in der Verantwortung beider Kirchen läge), sondern um die Erneuerung Europas und ‚seine Rolle in der modernen Welt’, ist zu fragen: Kann diese Aufgabe nur von zwei Kirchen getragen werden und wäre sie nicht vielmehr Aufgabe aller christlichen Kirchen? Am Sozialwort des ÖRKÖ, das der Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche mit unterzeichnet hat, haben 14 Kirchen mitgearbeitet“, heißt es in der Erklärung. Dem ÖRKÖ gehören die römisch-katholische, die evangelisch-lutherische und reformierte, die altkatholische, die griechisch-, russisch-, rumänisch-, bulgarisch- und serbisch-orthodoxe, die anglikanische, die methodistische, die armenisch-apostolische, die syrisch-orthodoxe und die koptische Kirche an.

Anstoß an liberalen Positionen

Auf der katholisch-orthodoxen Tagung Anfang Mai stimmten die beiden Delegationen, die von Kurienkardinal Paul Poupard und dem Vorsteher des Außenamts des Moskauer Patriarchats, Metropolit Kyrill, geleitet wurden, überein, gemeinsam dazu beizutragen, die Position des Christentums in einem verweltlichten Europa zu stärken. Organisiert wurde das von russischer Seite angeregte Treffen von der Wiener ökumenischen Stiftung „Pro Oriente“. Beide Kirchen nehmen unter anderem Anstoß an liberalen Positionen, wie sie von Protestanten insbesondere in Fragen der Homosexualität und der Frauenordination eingenommen werden. Innerhalb der Gesamtorthodoxie ist das Verhältnis zwischen Moskau und Konstantinopel gespannt. Als die mit Abstand mitgliederstärkste Gliedkirche war die russische immer bestrebt, die Vorrechte des Ökumenischen Patriarchen so eng auszulegen wie nur möglich. Beobachter bringen deshalb das russische Interesse an Gesprächen mit Rom zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Zusammenhang mit der Türkei-Reise des Papstes, der Ende November den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. im Phanar in Istanbul besuchen will.

ISSN 2222-2464