Versöhnungsfeier im Defereggental

Nach Protestantenvertreibung: Evangelische und katholische Kirche erinnerten an Ereignisse vor mehr als 300 Jahren

St. Veit/Defereggen, 21. Oktober 2002 (epd Ö) Mit einer Versöhnungsfeier haben die evangelische und die römisch-katholische Kirche am Sonntag in St. Veit in Osttirol der Protestantenvertreibung aus dem Defereggental gedacht. Der evangelische Superintendent für Kärnten und Osttirol, Manfred Sauer, und der Innsbrucker Diözesanbischof Alois Kothgasser erinnerten im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes an die Ereignisse vor mehr als 300 Jahren.

Beide Kirchenvertreter bekräftigten den Wunsch nach einer Einheit der Kirchen. „Was wir durch die Aufarbeitung der dunklen Kirchengeschichte erkannt haben, soll uns für die Zukunft helfen“, hatte Kothgasser im Vorfeld der Veranstaltung betont. Von einem „großen und wichtigen Ereignis“, hatte auch Sauer gesprochen.

„Religion ist zur Privatsache geworden, die niemanden etwas angeht“, meinte Sauer bei der Gedenkfeier in Anspielung auf die jüngsten Ergebnisse der Volkszählung, bei der sich jeder Fünfzigste geweigerte hatte, die Frage nach dem religiösen Bekenntnis zu beantworten. Sauer: „Ganz anders war es bei den Defereggern damals. Schon deshalb ist es wichtig, sich zu erinnern und zurückzuschauen.“ Der feste Glauben, die tiefe Überzeugung und der Bekennermut seien eine Ermahnung, „nicht zu leichtfertig mit Glaubensfragen umzugehen.“

Der Superintendent dankte Bischof Kothgasser, dass er vor drei Jahren bei einem Besuch in Osttirol den Wunsch des Lienzer evangelischen Pfarrers Hans Hecht nach einem würdigen Gedenken aufgenommen und weitergeführt habe.

An der Kapelle des Ortsteiles Bruggen wurde ein Denkmal des Deferegger Bildhauers Georg Planer enthüllt. Sein Relief aus Gussbeton und Kupfer ist durch einen Riss, der ein Kreuz symbolisiert, in zwei Teile geteilt. Auf der einen Seite sind die Vertriebenen dargestellt, auf der anderen die Dagebliebenen. Ein Text auf einer Gedenktafel hält die historischen Fakten und die Gemeinsamkeiten im Glauben fest. „Unser Gedenken an sie sei Mahnung und Verpflichtung zu Versöhnung und Frieden“, so ein Teil der Inschrift.

Zum Auftakt der Versöhnungsfeier wurde von Schülern der Hauptschule St. Jakob im Defereggental am Samstagabend das Theaterstück „Aus der Kraft des Evangeliums“ aufgeführt. Darin wird die Geschichte der Evangelischen im Defereggental erzählt. Im Anschluss wurde im Gemeindezentrum die Gedenkausstellung „Die Evangelischen im Defereggental“ eröffnet.

Mehr als 600 Deferegger mussten in den Jahren 1684 bis 1686 auf Anordnung des Salzburger Erzbischofs das Tal verlassen. Grund war ihr Bekenntnis zum evangelisch-lutherischen Glauben. 289 Kinder unter 15 Jahren wurden von ihren Eltern getrennt und mussten zurückbleiben. Sie sollten „vor der ewigen Verdammnis ihrer Eltern bewahrt bleiben.“ Begründet wurde die Vertreibung mit den Bestimmungen des „Westfälischen Friedens“.

ISSN 2222-2464