„Vermisse in Kirchen Bewusstsein für Ernst der Lage“

"Es gibt keinen nationalen Schulterschluss – so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt der frühere steirische Superintendent Hermann Miklas, der zum Teil in England lebt. Foto: pxhere
"Es gibt keinen nationalen Schulterschluss – so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt der frühere steirische Superintendent Hermann Miklas, der zum Teil in England lebt. Foto: pxhere

Österreichische Pfarrer in England über den Brexit

Cornwall/Coventry/Wien (epdÖ) – Nach der deutlichen Ablehnung der Brexit-Pläne der britischen Premierministerin Theresa May durch das Parlament zeigt sich das Land nach wie vor gespalten. Bis 29. März muss eine Einigung über das Wie des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union vorliegen – diese ist jedoch mit dem Negativentscheid und dem bevorstehenden Misstrauensvotum gegen May in weite Ferne gerückt. „Die Stimmung ist mittlerweile so tief gespalten, dass, wie immer die Sache ausgeht, eine zutiefst gespaltene Nation übrigbleiben wird. Es gibt Stimmen, die sagen, wir könnten ein zweites Referendum machen, aber es bleiben so oder so unzufriedene Leute zurück“, sagt der frühere steirische Superintendent Hermann Miklas, der selbst teilweise in England lebt, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. In den Kirchen vermisst Miklas ein Bewusstsein für den Ernst der Lage. Das Thema werde, zum Beispiel in Predigten, nur am Rande thematisiert, „und wenn, dann löst es Heiterkeit aus – im Sinne von: ‚Ja, ja, wir wissen schon, alles ein Chaos‘“.

Church of England hält sich zurück

Tatsächlich hält sich auch die offizielle Church of England sehr bedeckt. Eine letzte Pressemitteilung zum Brexit stammt von Mitte Dezember. Die Bischöfe hatten hier nicht explizit Stellung bezogen, gaben aber in einer gemeinsamen Aussendung bekannt, dass sie für die „nationale Einheit“ beteten: „Wir ersuchen alle – unsere politischen Führer und einen jeden von uns – Großmut, Respekt und Versöhnung in unsere nationale Debatte zurückzubringen“. Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, hatte Anfang Dezember gewarnt, ein No-Deal – also ein ungeregelter Brexit – stelle eine „signifikante Bedrohung dar, dass mehr Menschen in die Armut gedrängt werden“.

Benjamin Battenberg, der mit seiner Frau Alexandra Battenberg zuletzt für ein Jahr in Coventry gelebt und an einem Gemeindeaufbau-Projekt teilgenommen hatte, schätzt, dass die englische Kirche in der Debatte auch kaum gehört würde. Durch die fehlende zentralistische Struktur sei es zudem schwerer, zu einer gemeinsamen Stimme zu kommen, meint der Schwechater Pfarrer. Battenberg teilt Miklas Einschätzung, dass nur wenige die Problematik wirklich ansprechen, sieht sein persönliches Umfeld in Coventry jedoch dem Brexit gegenüber skeptisch: „In unserer Gemeinde waren viele gut gebildete Menschen, auch viele junge Studenten, die nicht so empfänglich für die Brexit-Stimmungsmache sind.“

Ältere Menschen wünschen sich das Großbritannien ihrer Kindheit zurück

Anders in Cornwall, wo Miklas lebt. Dort neige die Stimmung klar in Richtung Pro-Brexit, was allerdings auch mit Versprechungen vor dem Referendum 2016 zu tun habe, die vor allem der Fischerei, von der die Region zu einem großen Teil lebt, zugutekommen hätten sollen. Die jedoch, so Miklas, seien „abenteuerlich“ gewesen. Insgesamt sieht er die Haltung der Briten zum Ausscheiden aus der EU als Generationenfrage: „Viele ältere Leute argumentieren, sie hätten gerne das England unserer Kindheit wieder – das ist natürlich absolut naiv, aber das war der Grund, warum sie so abgestimmt haben. Und jetzt ist es so, dass sie sagen, die böse EU und das böse Brüssel sind schuld, dass sie uns so schlechte Bedingungen geben.“

Battenberg, der viele persönliche Kontakte nach England hat, sieht gravierende Probleme auf die Briten zukommen: „Da ist zum Beispiel das Gesundheitssystem, oder dass sich viele junge Menschen das Wohnen einfach nicht mehr leisten können. Und Miklas betont: „Die Kommunalsteuer wurde um das Doppelte oder Dreifache erhöht, die Müllabfuhr wird nur mehr alle vierzehn Tage statt wöchentlich durchgeführt und vieles mehr.“ Insgesamt sieht Miklas in der aktuellen Lage „ein Musterbeispiel dafür, dass alle politischen Akteure im Moment nur die eigene Klientel bedenken, nur darauf bedacht sind, Stimmen zu maximieren. Es gibt keinen nationalen Schulterschluss – so etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Einer der zentralen Streitpunkte ist der mögliche Verbleib Großbritanniens in einer Zollunion mit der EU und die Grenze zwischen Irland und Nordirland. Kommt es zu keiner Einigung und damit zu einem „harten Brexit“ sind zahlreiche Abkommen mit der EU hinfällig, ohne dass es Nachfolgebestimmungen gäbe, was ein weitreichendes Chaos zur Folge haben könnte.

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ISSN 2222-2464