Van der Bellen: „Bin wieder in Evangelische Kirche eingetreten“

Im Umfeld des Reformationsjubiläums 2017 hatte Van der Bellen explizit auf die Flüchtlingsarbeit der Kirchen hingewiesen. Foto: epd/Uschmann
Im Umfeld des Reformationsjubiläums 2017 hatte Van der Bellen explizit auf die Flüchtlingsarbeit der Kirchen hingewiesen. Foto: epd/Uschmann

Kritik an neuer Sozialhilfe und Asylwesen

Wien (epdÖ) – Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist wieder evangelisch: „Ich bin heuer wieder in die evangelische Kirche des Augsburger Bekenntnisses eingetreten“, verriet Van der Bellen in einem Interview mit den römisch-katholischen österreichischen Kirchenzeitungen. Er revidierte damit einen Schritt, den er als junger Mann aus Ärger über seinen lokalen Pfarrer gesetzt habe, wie er in einem Interview während des Präsidentschaftswahlkampfes erzählt hatte. Im aktuellen Interview mit den Kirchenzeitungen spricht Van der Bellen über die ihm „so wichtige Botschaft des Neuen Testaments“, insbesondere der Bergpredigt, und unterstreicht den positiven Einfluss religiöser Überzeugungen auf das soziale Zusammenleben. Im Rahmen des Reformationsempfangs im Jubiläumsjahr 2017 hatte Van der Bellen explizit auf die Rolle der Kirchen in der Flüchtlingsarbeit und die gut funktionierende Ökumene in Österreich hingewiesen.

Es sei denkbar, dass die eine oder andere Religion ausstirbt, meinte das Staatsoberhaupt im Interview mit allen Chefredakteuren der diözesanen Kirchenzeitungen. Aber dass Religiosität insgesamt aussterben könnte, glaube er nicht. „Dazu ist das Bedürfnis nach etwas zu groß, das zu erklären versucht, was Leben ist, woher es kommt und wohin wir nach dem Tod gehen.“ Zur Botschaft des des Neuen Testament erklärte er: „Sich einigermaßen danach zu richten“ sei „nicht nur für Kirchenmitglieder geboten“.

Über den Austausch zwischen den Religionsgemeinschaften und der Politik in Österreich sagte Van der Bellen: „Persönlich hatte ich viele gute Begegnungen, was vielleicht auch daran liegt, dass sich die Zusammensetzung der Bischofskonferenz heute von jener zu Zeiten Groers und Krenns unterscheidet.“ Mit deren jetzigem Vorsitzenden Kardinal Christoph Schönborn tausche er sich regelmäßig aus, weiters erwähnte Van der Bellen Gespräche mit dem evangelischen Bischof Michael Bünker und jüngst ein Treffen mit Bischof Benno Elbs in Vorarlberg. „Generell ist es wichtig, dass Politik und Religionsgemeinschaften Kontakt halten, und dass sich die Kirchen, Caritas und Diakonie zu sozialen Fragen zu Wort melden“, betonte der Bundespräsident. Die Kirchen hielten wie das Rote Kreuz und andere Organisationen das Ehrenamt hoch. „Ich möchte mir Österreich nicht ohne diesen unersetzlichen Einsatz vorstellen.“

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Der Großteil des Interviews war indes politischen Themen wie Umweltschutz, Sozialpolitik oder der bevorstehenden EU-Wahl gewidmet: Dass Kinder und Jugendliche freitags die Schule schwänzen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren, ist für Van der Bellen kein Problem. Es sei ganz wichtig, dass die Jugend bei diesem Thema „erwacht“ sei, und in zwei Schulstunden Versäumtes könne nachgelernt werden. „Bei der Klimakrise geht es dagegen um Prozesse, die man nicht umkehren kann“, so Van der Bellen. „Ich werde die schlimmsten Folgen nicht mehr erleben, für die jungen Menschen steht tausendmal mehr auf dem Spiel.“ Die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus erachtete der Bundespräsident als wertvollen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel.

„Schwere Zweifel“ an neuer Sozialhilfe

Zum jüngst im Nationalrat beschlossenen und auch von Seiten der Kirchen kritisierten Umbau der Mindestsicherung zur Sozialhilfe sagte Van der Bellen: „Es gehört nicht zu den angenehmsten Aufgaben eines Bundespräsidenten, Gesetze zu unterschreiben, bei denen er ganz andere Ansichten hat.“ Das sei bei der Indexierung der Familienbeihilfe der Fall gewesen, und auch jetzt bei der Sozialhilfe habe er „schwere Zweifel – Stichwort Kinderdiskriminierung“.

Kritik übte Van der Bellen auch daran, dass zuletzt 43 Prozent der Asylentscheidungen des zuständigen Bundesamts wieder aufgehoben wurden: „Wenn fast die Hälfte der Entscheidungen einer Behörde nicht hält, hat sie offensichtlich ein Qualitätsproblem.“ Freilich sei nicht jeder Fluchtgrund auch ein Asylgrund. „Mir ist auch klar, dass da nicht nur Heilige zu uns kommen wollen, wie auch unter uns Österreichern nicht nur Heilige leben“, so Van der Bellen zum Thema Asyl. Da seine eigenen Eltern dreimal geflüchtet seien bzw. sich aussiedeln ließen, habe er „einen besonderen Zugang zu dieser Frage“.

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ISSN 2222-2464