Ulrich Körtner: Glaubwürdigkeit nur durch substanzielle Strukturreformen

Wien (epd Ö) – In einem Interview für die Juniausgabe des Print-Magazins „Universum“ hat der evangelische Theologe Ulrich Körtner zu den Missbrauchsfällen in der Römisch-katholischen Kirche Stellung genommen. Das „verheerende“ Krisenmanagement vor allem des Vatikans erschüttere nicht nur die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche, sondern des Christentums überhaupt, betont Körtner. Scharf kritisiert der Vorstand des Instituts für systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien die „Art und Weise, in der sich die katholische Kirche als Opfer einer Medienkampagne darstellt“. Den Hirtenbrief des Papstes an die Iren bezeichnet Körtner als „Dokument halbherziger Ursachenforschung und mangelnder Selbstkritik“. Ihre Glaubwürdigkeit könne die katholische Kirche nur wiedererlangen, „wenn sie zu substanziellen Strukturreformen bereit ist“. Glaubwürdige Verantwortungsübernahme müsse, so Körtner, zum Rücktritt belasteter Kurienmitglieder führen.

Auch die evangelische Kirche müsse sich dem Wandel der Sexualmoral in der Gesellschaft neu stellen, fordert der Theologe, liege doch die letzte Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland dazu vierzig Jahre zurück. Auch wenn es in der evangelischen Kirche einzelne Missbrauchsfälle gebe, gehe sie doch strukturell anders damit um. So würden Missbrauchsfälle „konsequent bei der Staatsanwaltschaft angezeigt“, im Bereich des Opferschutzes werde mit dem „Weißen Ring“ zusammengearbeitet. Generell habe die evangelische Kirche ein „unverkrampfteres“ Verhältnis zur Sexualität und lehne auch den Zölibat als unbiblische Forderung ab. Die Gleichberechtigung von Frauen im geistlichen Amt und die innerkirchliche Demokratie verhinderten das Entstehen eines „männerbündlerischen, autoritären Milieus“ wie in der katholischen Kirche, die laut Körtner „zu lange eher die Täter als die Opfer geschützt“ habe.

ISSN 2222-2464