Ulrich Körtner: Für „evangelischen Pluralismus“

Stammzellenforschung: Deutsche Regelung auch als Modell für Österreich denkbar

Wien, 06. Februar 2002 (epd Ö) In der Ausgabe Nr. 5 der katholischen Wochenzeitung „Furche“ erneuert der evangelische Theologe Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner seine Position gegen einen kirchlichen „Rigorismus“ in der Frage der Stammzellenforschung. Körtner, der in der vergangenen Woche zum „Wissenschaftler des Jahres 2002“ gekürt wurde, hatte bereits am 23. Jänner gemeinsam mit anderen Theologen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) die Stellungnahme der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) kritisiert und sich für evangelischen „Pluralismus“ in der Stammzellen-Diskussion ausgesprochen. In der „Furche“ wiederholte Körtner seine Kritik an der „katholischen Manier“ der EKD, die versuche, „anderen ins Gewissen zu reden“, ohne sie „als Subjekte“ ernst zu nehmen, „die fähig sind, eine verantwortliche Entscheidung zu treffen“.

Körtner warf den Kirchen vor, die Stammzellen-Diskussion zu „instrumentalisieren, weil man sehen will, wie weit der eigene Einfluss reicht“. Es handle sich um den „Versuch einer Profilbildung der Institution Kirche in einer Medienlandschaft, wo mit einfachen Ja-Nein-Alternativen gearbeitet wird“. Er unterstütze zwar das Warnen der Kirche vor kritischen Entwicklungen, aber „wenn der Eindruck entsteht, das sei nur eine religiös gewendete Variante eines allgemeinen kulturellen Unbehagens und einer Technikfeindschaft“, müsse man sich „wirklich Sorge um die Kirche und ihr intellektuelles Niveau“ machen.

Die deutsche Regelung, Forschungen mit importierten embryonalen Stammzellen bedingt zuzulassen, kann sich Körtner, der auch der österreichischen Bioethik-Kommission angehört, als Modell auch für Österreich vorstellen. Sie verschließe weder die Tür für die Forschung, noch lasse sie eine völlige Liberalisierung zu. In Österreich sei die gesetzliche Regelung für einen Import von Stammzellen derzeit nicht ganz klar. „Ich persönlich bin der Meinung, dass das Fortpflanzungsmedizingesetz zwar die Herstellung, nicht aber den Import von embryonalen Stammzell-Linien verbietet“, so der Ethiker. Allerdings stelle sich die Frage derzeit auch nicht, da – im Gegensatz zu Deutschland – keinerlei Anträge für Forschungsprojekte mit importierten Stammzellen vorliegen würden. „Wenn es so weit ist, hoffe ich auf eine ähnlich verantwortungsvolle Lösung wie in Deutschland“, betonte Körtner.

ISSN 2222-2464