Trauer und große Betroffenheit in der Evangelischen Kirche

Protestantischer Pastor und Gründer von Taizé Roger Schutz ermordet

Wien, 17. August 2005 (epd Ö) – „Mit großer Betroffenheit haben wir die Nachricht von der Ermordung des Gründers der Gemeinschaft von Taizé, Roger Schutz, aufgenommen“, sagte der reformierte Landessuperintendent Mag. Wolfram Neumann am Mittwochvormittag gegenüber epd Ö. Neumann betonte, dass „Schutz der reformierten Weltfamilie wie der Ökumene als eine ganz besondere Persönlichkeit in Erinnerung bleiben wird“. Mit seiner 1949 gegründeten Gemeinschaft habe er die mönchische Lebensform im protestantischen Raum wieder als eine „mögliche Ausdrucksform unseres Glaubens zu breiter Anerkennung geführt“. Das besondere an der Gemeinschaft von Taizé sei ihr „ökumenischer Charakter und ihre Offenheit hin zu allen sich auf Christus berufenden Kirchen und Gemeinschaften, aber auch die Offenheit gegenüber der Welt und ihren schrecklichen Problemen in den sozial schwächsten Gesellschaften der Welt“.

„Die Evangelische Kirche in Österreich trauert um Frère Roger Schutz. Es löst große Betroffenheit aus, dass ein 90-jähriger Christ, der sich Zeit seines Lebens für Frieden und Versöhnung eingesetzt hat, ausgerechnet dem Mordanschlag einer offenkundig geistig verwirrten Täterin zum Opfer fällt“, sagte Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker gegenüber epd Ö. Gegen die „Verrücktheit dieser Welt setzen Christinnen und Christen ihren Glauben an die Auferstehung, der die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit sowie auf ein gewaltfreies Zusammenleben begründet“, so Bünker. „Die Evangelischen in Österreich beten für Frère Roger und bekunden so ihre feste Überzeugung, dass der Einsatz für Nächstenliebe und Versöhnung immer sinnvoll bleibt und durch keine Gewalt der Welt in Frage gestellt werden kann.“

Bünker: Gemeinschaft von Taizé wichtiges Zeichen der ökumenischen Verständigung

„Millionen Jugendliche haben sich im Laufe der Jahre mit den Themen der Gemeinschaft, mit Frieden, Nächstenliebe und Versöhnung, beschäftigt und durch die Begegnung mit Taizé eine kirchliche Heimat gefunden. Die große Trauer, die sein gewaltsamer Tod unter den Teilnehmern des Weltjugendtreffens in Köln ausgelöst hat, belegt das in eindrucksvoller Weise.“ Im Laufe der Jahre sei die Gemeinschaft von Taizé zum „wichtigen Zeichen der ökumenischen Verständigung geworden“, betonte Bünker. „Nicht zuletzt hat sich das an der Teilnahme von Roger Schutz an den Begräbnisfeierlichkeiten für Johannes Paul II. gezeigt, bei denen er, der Protestant, von Kardinal Ratzinger, dem jetzigen Benedikt XVI., die Eucharistie empfing.“

Besondere Bedeutung komme Taizé für die Spiritualität in den Kirchen zu: „Aus dieser gelebten tiefen Frömmigkeit vieler Jahre sind die für Taizé typischen Gebete und Lieder entstanden, die in vielen Gemeinden rund um die Welt in Gebrauch sind.“

Bünker: „Viele Evangelische aus Österreich haben im Lauf der Jahrzehnte Taizé besucht. Beeindruckt von der Spiritualität der Gemeinschaft und besonders von der Ausstrahlung des Frère Roger haben sie etwas vom Geist der Gemeinschaft in ihre Heimatgemeinden mitgebracht und so einen Beitrag gegeben zur ökumenischen Offenheit, zu lebendigen Gottesdiensten, zum Einsatz für Frieden und Versöhnung unter den Menschen. Dafür bleibt Frère Roger Schutz unter uns lebendig.“

Taizé als evangelische Einrichtung von Anfang an ökumenisch ausgerichtet

Im Mai 1940 war Roger Schutz, Sohn einer Französin und eines Schweizer Pastors, in dem französischen Dorf Taizé eingetroffen, wo er sich in einem verlassenen Haus einrichtete. Geleitet von dem Vorbild seiner Großmutter, die im Ersten Weltkrieg französische Flüchtlinge aufgenommen hatte und sich bemühte, die durch den Krieg verfeindeten Christen miteinander auszusöhnen, setzte er sich das Ziel, Taizé zu einer Stätte des Gebets, des Friedens und der Aussöhnung zwischen allen Menschen christlichen Glaubens zu machen. 1949 gründete Roger Schutz die Gemeinschaft von Taizé, die als evangelische Einrichtung von Anfang an ökumenisch ausgerichtet war und sich für die Versöhnung der Kirchen einsetzte.

Der reformierte Pastor aus der Schweiz war eine der führenden Figuren der ökumenischen Bewegung und genoss Respekt unter den Oberhäuptern verschiedener Konfessionen. Im Kloster Taizé werden schon seit längerem während der Gebetszeiten gleichzeitig das evangelische Abendmahl und die katholische Eucharistie verteilt. Der Gemeinschaft gehören heute rund 100 Brüder aus 25 Nationen an, rund ein Drittel von ihnen ist katholisch. Im Laufe der Jahre haben Millionen Jugendliche sich mit den Themen der Gemeinschaft beschäftigt, mit Nächstenliebe, Frieden und Versöhnung. Wichtig ist dabei die Achtung vor Andersdenkenden aller Glaubensrichtungen, ob orthodoxe Christen, Katholiken, Protestanten, Juden oder Muslime.

Anlässlich des großen Taizé-Jugendtreffens 1997 in Wien kamen Bundespräsident Thomas Klestil, Kardinal Christoph Schönborn, Metropolit Michael Staikos und Bischof Herwig Sturm zum Abendgebet der Jugendlichen mit Frère Roger Schutz auf dem Wiener Messegelände.

Für seinen Einsatz für Frieden erhielt Frère Roger 1974 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1988 den UNESCO-Preis für Friedenserziehung und 1989 den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen.

Frère Roger hieß eigentlich Roger Schutz-Marsauche und wurde am 12. Mai 1915 in Provence im Schweizer Kanton Vaud geboren. Am gestrigen Dienstag ist er bei einem Angriff während eines Gottesdienstes getötet worden. Während des Abendgebets am Stammort der Gemeinschaft in Ost-Frankreich ist eine Frau unter den rund 2500 Anwesenden aufgestanden und hat Roger mit drei Messerstichen getötet. Der 90-Jährige war sofort tot.

ISSN 2222-2464