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Theologieprofessor Körtner: Kardinal Schönborns Äußerungen zur Evolutionstheorie sind „Bärendienst für die Theologie“

Auch Destruktion und Tod gehören zum Schöpfungshandeln Gottes

Wien, 21. Juli 2005 (epd Ö) – Kardinal Dr. Christoph Schönborn habe mit seinen Äußerungen gegen die „neodarwinistische Evolutionstheorie“ der katholischen Theologie „und ihrem Anspruch, als Wissenschaft ernst genommen zu werden, einen Bärendienst erwiesen“. Dass dadurch die Theologie als Wissenschaft insgesamt in Misskredit zu geraten drohe, „muss auch einen evangelischen Theologen beunruhigen“. Das schreibt der Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Dr. Ulrich H.J. Körtner, in einem Artikel in der Tageszeitung „Die Presse“ vom 16. Juli. Körtner hält fest: „Die Sicht des Glaubens und diejenige der Naturwissenschaften auf die Wirklichkeit sind bestenfalls komplementär. Das ist gerade der Witz im interdisziplinären Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften.“

Der Theologe weist darauf hin, dass gemäß der Evolutionstheorie „die Kräfte der Destruktion nicht etwa das Andere der Kreativität des Leben sind, sondern dass Missbildungen, Fehlentwicklung und Tod die Voraussetzung für die Lebensfähigkeit der verbleibenden Lebewesen sind“. Daher könne man nicht im Sinne der traditionellen Schöpfungslehre von einem paradiesischen Urzustand sprechen. Auch Destruktion und Tod seien als Elemente des schöpferischen Handelns Gottes zu bejahen. Wer, wie der von Schönborn mitverantwortete römisch-katholische Weltkatechismus, der menschlichen Vernunft anrate, Gott in der Natur zu suchen, der lande höchstens beim „verborgenen Gott“ Martin Luthers, „an dessen Rätselhaftigkeit man verzweifeln kann“.

Der letzte Sinn der Welt

Die biblischen Schöpfungsberichte, so Körtner in seinem Artikel, sind keine naturwissenschaftliche Hypothese über die Entstehung des Kosmos, sondern religiöse Poesie. Ihnen gehe es nicht um Wahrheit im naturwissenschaftlichen Sinn, sondern „um so etwas wie Lebenswahrheit oder existenzielle Wahrheit“. Der Theologieprofessor betont: „Nach jüdischer und christlicher Überzeugung hat sich der Schöpfergott in der Geschichte Israels offenbart. Seine letztgültige Offenbarung sind nach christlichem Bekenntnis das Leben und Sterben Jesu von Nazareth und seine Auferstehung. Im Lichte dieser Ereignisse wird für den Glauben ein letzter Sinn der Welt erkennbar. Unter diesen Prämissen wird die Hoffnung formuliert, dass auch Tod und Vernichtung in Gott aufgehoben werden und die Theodizeefrage eine letzte Antwort findet.“

ISSN 2222-2464