Systematiker Körtner fordert Mut zur Verantwortung bei medizinethischen Entscheidungen

Kritik am modernen Gesundheitsbegriff

Wien (epd Ö) – Evangelische Ethik lässt sich „von der Gewissheit der Rechtfertigung des Sünders leiten, in welcher der Mut zur Verantwortung ihren letzten Grund hat. Das gilt auch für die oftmals schweren Entscheidungen auf dem Gebiet der modernen Medizin.“ Das war das Resümee des Vortrags „KrankenRäume – Christliche Ethik in der Medizin“, den der Wiener Professor für Systematische Theologie, Ulrich H.J. Körtner, am 10. März im Rahmen der 61. Evangelischen Woche hielt. In dem Vortrag, der im Institut für Ethik und Recht in der Medizin im Alten Allgemeinen Krankenhaus in Wien stattfand, stellte Körtner fest: „Organisationen wie die Diakonie und Institutionen wie Krankenhäuser oder Pflegeheime sind solche Orte medizinischen Handelns und der medizinischen Urteilsbildung.“

Zum biblischen Befund erklärte der Theologe, im Neuen Testament würden Gesundung und Gesundheit „nicht als Inbegriff, sondern als Angeld künftigen Heils verstanden, dessen Vollendung der noch ausstehenden Zukunft des Reiches Gottes vorbehalten bleibt“. So legitim der Wunsch nach Gesundheit sei, so sehr könne doch das Heil auch gerade im Leiden und in der körperlichen Schwäche zu Wirkung gelangen.

Das „Recht auf Glück“ und die Osterbotschaft

Körtner kritisierte den modernen Gesundheitsbegriff, demzufolge Gesundheit ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens sei, und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen, als „utopisch“. Er unterstelle, dass dem Menschen „ein Zustand völliger Vollkommenheit“ vergönnt wäre. Die Kehrseite dieses Gesundheitsbegriffes sei, dass jede Beeinträchtigung des Wohlbefindens „als Verhinderung des Glücks, Einschränkung sinnhaften Lebens und somit ausschließlich als negative Erscheinung bewertet wird“. Körtner dazu: „Die Sehnsucht nach Heil schlägt um in die Forderung des Rechtes auf Glück.“ Die Osterbotschaft jedoch besage, „dass der Wert des Lebens und seine Würde gerade nicht vom Gelingen oder Misslingen menschlicher Lebensführung und Selbstverwirklichung abhängen, sondern von der Teilhabe am Leben Gottes und seiner Fülle“.

Güterabwägung kann zur Übelabwägung werden

Der Referent wies darauf hin, dass der Mensch heute in die Lage versetzt sei, „vor Gott erkennen zu müssen, dass er dazu verurteilt ist, selbst in den Bereich von Geburt und Tod einzugreifen“. Der biomedizinische Fortschritt führe in neue Konfliktsituationen, „in denen eine Güterabwägung zur Übelabwägung geraten“ könne. Manche medizinethischen Konflikte würden sich gar nicht lösen lassen, sondern führten in die Situation von Schuld und Schuldgefühlen. Nach biblischem Verständnis kennzeichne dies jedoch grundlegend die Situation des sündigen Menschen vor Gott.

ISSN 2222-2464