Susanne Heine: Respektvoller Umgang miteinander

"Gewalt widerspricht dem Bild Gottes im Koran", sagte die evangelische Theologin Susanne Heine beim Reformationsempfang. Foto: epd/Uschmann
"Gewalt widerspricht dem Bild Gottes im Koran", sagte die evangelische Theologin Susanne Heine beim Reformationsempfang. Foto: epd/Uschmann

Christen und Muslime: „Freude über das Gemeinsame, Respekt gegenüber dem Fremden“

Wien (epdÖ) – „Religionen sind keine bloß abstrakten Gebilde im Kopf, sondern bestimmen die praktische Lebensführung, beeinflussen ganz wesentlich Denkweise und Emotionen, Haltungen und Handlungen“, sagte die Wiener evangelische Theologin Susanne Heine beim diesjährigen Reformationsempfang am 30. Oktober in Wien. „Für einen humanen Umgang braucht es daher Kenntnisse voneinander, um dem respektvoll zu begegnen, woran das Herz gläubiger Menschen hängt.“

Bei der christlich-muslimischen Begegnung gehöre es dazu, sich besser kennenzulernen, um Missverständnisse abzubauen, ist Heine überzeugt. Mit der Orientierungshilfe „Evangelische Christen und Muslime“, die 2011 von der Generalsynode der Evangelischen Kirche A. und H.B. in Österreich beschlossen wurde, soll Gemeinden wie Gemeindemitgliedern eine Hilfestellung gegeben werden, um ein besseres gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen. Das Dokument ist unter dem Titel „Respektvoll miteinander“ in Buchform beim Evangelischen Presseverband beziehbar.

Heine, die an der Erstellung des Dokuments maßgeblich mitgewirkt hat, machte deutlich, dass es darum gehe, die je eigenen Selbstverständnisse wahrzunehmen und anzuerkennen. Dazu gehöre es auch, die Unterschiede nicht zu negieren, die zwischen den Religionen bestehen. „Was wir gemeinsam haben, kann Anlass zur Freude sein, und Respekt kann dem gelten, was uns fremd bleibt“, so die Theologin. Von einem Missionsverständnis, das mit „Anpassungszwang, Bekehrungsdruck und Missachtung der Kultur anderer Menschen einhergeht, distanzierte sich die Evangelische Kirche A. und H.B. bereits 2009“.

In ihrem Vortrag ging Heine auch auf Vorurteile ein, die von beiden Seiten immer wieder erhoben würden: Der Islam sei eine kriegerische Religion, das Christentum habe mehrere Götter. Heine erinnerte daran, dass Gewalt dem Bild Gottes im Koran widerspreche und dass 2007 rund 200 muslimische Gelehrte betont hätten, dass auch im Islam die Gottes- und Nächstenliebe das oberste Gebot darstellen. Gerade in Fragen rund um die Trinität und die Rolle Marias könnten sich Christinnen und Christen in der Darstellung der Musliminnen und Muslime nicht wiederfinden.

„Ich habe diese Beispiele gewählt, um zu zeigen, dass nur die ehrliche Absicht, einander zu verstehen beide Religionen vor Missverständnissen, Vereinfachungen und Vorurteilen schützen kann. Diese ehrliche Absicht geht religiösen Fanatikern ab, die ihre Religion ihren eigenen Vorstellungen unterwerfen und unzulässig vereinfachen“, führte Heine aus. „Diese ehrliche Absicht geht auch Politikern ab, die versuchen, mit Hilfe der Herabsetzung des Islams Wahlen zu gewinnen. Daher nennt sich der Synodentext im Untertitel: ‚Voneinander mehr wissen zu wollen ist der erste Schritt zum respektvollen Umgang miteinander‘.“

Begegnungsmöglichkeiten sieht Heine einerseits in nachbarschaftlichen Beziehungen und sozialen Belangen, so könne man etwa bei Sozialprojekten zusammenarbeiten oder sich über die Geburt eines Kindes mit muslimischen Bekannten freuen. Andererseits sei es aber beispielsweise auch möglich und teilweise bereits Normalität, ein gemeinsames Fastenbrechen (Iftar) im muslimischen Monat Ramadan zu feiern. Eine Einladung zu einem Gottesdienst sei ebenfalls möglich, erklärte die evangelische Theologin. „Von den jeweiligen Gästen wird erwartet, dass sie mit respektvoller Haltung teilnehmen, ohne sich zu beteiligen. Die spirituelle Praxis ist in beiden Religionen ein Raum der Intimität, der ohne Einladung nicht betreten werden darf.“

In ihrem Vortrag erinnerte Susanne Heine auch daran, dass das Islamgesetz in Österreich heuer sein 100-jähriges Bestehen feiert. Demnach genießen „die Anhänger des Islams … hinsichtlich ihrer Religionsausübung denselben Schutz wie andere gesetzlich anerkannte Religionsgesellschaften“. Nach der Auflösung der Monarchie habe dieses Gesetz geruht, erst 1971 – mit Zuwachs der muslimischen Bevölkerung – wurde ein Antrag auf „Wiederbelebung“ des Gesetzes gestellt. 1979 wurde dem Wunsch schließlich nachgegeben und die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich gegründet. „Mit dieser Integration des Islams in die staatliche Rechtsordnung ist Österreich weltweit ein singulärer Fall“, hielt Heine fest.

Hinweis: Honorarfreie Fotos vom Reformationsempfang und von der Verleihung des Diakoniepreises finden Sie zum Download unter https://evang.at/themen/fotos

ISSN 2222-2464