Susanne Heine: „Auch Attentäter können religiös Suchende sein“

Wiener Religionspsychologie-Kongress thematisierte auch den religiös motivierten Terrorismus

Wien (epd Ö) – Es ist ein „verhängnisvoller Fehler“, religiös motivierten Terrorismus im Gefolge von 9/11 ausschließlich mit dem Islam in Verbindung zu bringen, denn alle Religionen werden zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht. Das betonte der amerikanische Religionswissenschaftler und Terrorismus-Experte Prof. James W. Jones in einem Interview für die „Furche“. Jones war anlässlich des internationalen Religionspsychologie-Kongresses nach Wien gekommen, der vom 23. bis 27. August erstmals an der Universität stattfand. Wie jedes menschliche Verhalten sei Religion ambivalent und „multidimensional“, hält Jones fest. Sie könne erlittene Erniedrigung in Gewalt transformieren oder aber – wie die Beispiele Mahatma Gandhis, Martin Luther Kings oder des Dalai Lama zeigten – „in etwas Konstruktiveres“. Diese hätten Demütigung „in Demut gewendet“. Gerade die USA seien ein Beispiel dafür, dass auch die christliche Religion als Legitimation für Gewalt instrumentalisiert wird, sagte der an der Rutgers University in New Jersey lehrende Wissenschaftler. Er erinnerte an den Fall eines von militanten Christen in Kansas ermordeten Abtreibungsarztes und wies auf das generell in den USA steigende Interesse an „extremen christlichen Identitätsbewegungen“, darunter neonazistische wie die „Aryan Nations“, hin. Sogar religiöse Grenzen würden heute durch die Vernetzungsmöglichkeiten des Internet überschritten: Einer der Proponenten der religiösen Rechten in den USA habe jüngst auf seiner Website zu einer „Allianz der Völker des Buches“ aufgerufen und Juden, Christen und Muslime in der Aggression gegenüber Abtreibungskliniken und Schwulenbars zu bündeln gesucht.

Organisiert hat den Kongress die praktische Theologin und Religionspsychologin Univ.-Prof. Susanne Heine. Empirische Forschungen, so Heine, hätten gezeigt: „Auch Attentäter können religiös Suchende sein.“ Dies sei „ein durchaus neuer Aspekt in der aktuellen Debatte“, mit dem sich etwa die religionspsychologische „Attachment-Theorie“ befasst. Im Widerspruch zur verbreiteten These, dass fundamentalistische Attentäter Religion und quasireligiöse Argumentationsmuster nur instrumentalisieren und zur Rechtfertigung ihrer Gewalttaten anführen, habe die Religionspsychologie zeigen können, dass sich diese Menschen durchaus auf dem Weg spirituell-religiöser Suche befinden. Freilich lasse dieser Befund keine Verallgemeinerung derart zu, dass jeder spirituell Suchende ein potenzieller Gewalttäter sei. Es bedürfe hierzu vielmehr eines Zusammenspiels mehrerer Faktoren, wie etwa eines spezifischen Persönlichkeitsprofils, dem Gewalt prinzipiell nicht fremd ist und eine Identifizierung mit einer Opferrolle leicht fällt.

ISSN 2222-2464