Superintendent Lein: Keine Toleranz für offenen oder versteckten Rassismus

Wiener Superintendentialversammlung mit Schwerpunkt „Evangelisch evangelisieren“ – Oberkirchenrat Schiefermair: Klares Bekenntnis zu Qualität im Religionsunterricht

Wien (epd Ö) – „Wir sind als Christinnen und Christen in der Nachfolge Jesu Christi gefordert, im gesellschaftlichen Diskurs nicht zu schweigen, sondern unsere Stimme klar und eindeutig zu erheben“, sagte der Wiener Superintendent Hansjörg Lein in seinem Bericht vor der Superintendentialversammlung, die am 21. November im Evangelischen Gymnasium tagte. Im Wahljahr 2010 bedeute dies für die Evangelischen in Wien, „mit höchster Aufmerksamkeit und Wachsamkeit präsent zu sein“. „Wehret den Anfängen“ gelte gegenüber „jeder hetzerischen und menschenverachtenden Einstellung, auch wenn sie im Schafspelz einer so genannten ’sozialen Heimatpartei‘ auftritt“, warnte Lein. In einem Land, das wesentlich vom so genannten „Fremdenverkehr“ lebt, in einer Großstadt, in der unzählige „Fremdsprachen“ gesprochen werden, und in einer Glaubensgemeinschaft, in der von Beginn an gelte: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Freunden alle Völker … ist kein Platz für Xenophobie, ist kein Raum für fremdenfeindliche Töne, gibt es keine Toleranz für offenen oder versteckten Rassismus“, so der Superintendent wörtlich.

Es sei von großer Bedeutung für das zukünftige Leben und Zusammenleben in der Metropole Wien, „welche Haltungen und Werte wir den Menschen jeglichen Alters in unseren Bildungseinrichtungen vermitteln“. In erster Linie sei es „eine Angelegenheit unseres Glaubens und unserer protestantischen Grundüberzeugung, wenn wir für ungeteilte Menschenrechte und die Würde aller Menschen eintreten“. Die österreichische Gesellschaft sei eine Zuwanderungsgesellschaft, was in besonderem Maße für Wien gelte. Dass sich die Stadt Wien „konstruktiv mit den Themen Zuwanderung und Integration“ befasse, wird von Lein begrüßt. Der Superintendent erinnerte an die „Wiener Zuwanderungskommission“, die auf Initiative von Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger von SPÖ, ÖVP und den Grünen ins Leben gerufen wurde und in der auch die Evangelische Kirche und Diakonie mitarbeiten.

Superintendentialkuratorin Troch: Menschen neugierig machen auf die Botschaft

Die Rolle der Kirche in der Großstadt prägte die Tagung der Wiener Superintendentialversammlung. „In der Großstadt sind Kirchengebäude oft versteckt, aber nicht die Botschaft“, sagte Superintendentialkuratorin Inge Troch. Dabei gehe es nicht um Werbung, sondern darum, „Menschen neugierig zu machen auf die Botschaft von Gott“. Dazu gehöre der Anspruch, authentisch zu sein und „das zu leben, was wir predigen“. Bei den Kirchengebäuden müssten auch Fragen der Ästhetik in den Blick genommen werden: „Wirken die Räume nur für uns einladend, die wir mit ihnen vertraut sind, oder auch auf andere?“, fragte die Superintendentialkuratorin, die sich kürzlich im Rahmen einer internationalen Tagung mit kirchlicher Kommunikation in der Großstadt befasst hat. Christinnen und Christen dürften nicht schweigen, wenn es um gesellschaftliche Themen geht, die gerade in der Stadt angesagt sind. Troch: „Wir sind aufgefordert, in einer Sprache zu sprechen, die hier und heute verstanden wird, und nicht in einem Fachchinesisch.“

Der Sprache ist auch für die Wiener Seniorin Gabriele Lang-Czedik entscheidend. Die Liesinger Pfarrerin führte in das Schwerpunktthema „Evangelisch evangelisieren“ ein, mit dem sich die Delegierten in Arbeitsgruppen befassten. Auf dem Hintergrund einer „Glaubenssprachlosigkeit“ müsse eine authentische säkulare Sprache entwickelt werden. Im Zentrum stehe dabei auch die Frage, „wie Kirche in der immer härter werdenden Leistungsgesellschaft präsent ist“.

Religionsunterricht fördert Sprach- und Dialogfähigkeit

Seitens der gesamtösterreichischen Kirchenleitung dankte Oberkirchenrat Karl Schiefermair den Delegierten aus den Wiener Pfarrgemeinden für das vielfältige Engagement besonders auch aus dem ehrenamtlichen Bereich. Aus seinem Verantwortungsbereich für den evangelischen Religionsunterricht berichtete Schiefermair von einem „stabilen Bild“, das die jüngsten Zahlen der SchülerInnen in Wien zeigten. Rückblickend nannte der Oberkirchenrat drei Probleme, die dem evangelischen Religionsunterricht „von außen aufgedrängt“ worden seien. Die Auseinandersetzung um den islamischen Religionsunterricht hätte auch den konfessionellen Religionsunterricht in Frage gestellt. Hier seien, so Schiefermair, „Tabubrüche sei-tens des Ministeriums“ geschehen, „wir müssen uns einstellen auf scharfen Gegenwind“. Die – inzwischen gewerkschaftlich abgeschmetterte – Erhöhung der Lehrverpflichtung hätte gerade evangelische ReligionslehrerInnen in schwierige Situationen gebracht, da hier die Stunden durch die feststehenden SchülerInnenzahlen nicht einfach erhöht werden können. Neue Herausforderungen bringe auch die fixe Absicht der Ministerin, den verpflichtenden Ethikunterricht einführen zu wollen.

Die Antwort darauf könne nur ein klares Bekenntnis zur Qualität sein, unterstrich der Oberkirchenrat. Dazu dienten etwa der neue Kompetenzkatalog, intensivere Fortbildung und die weiter forcierte Ausbildungsqualität an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule (KPH) und der Universität. Die Tatsache, dass evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für den Religionsunterricht aufwenden, sei nicht „notwendiges Übel“, sondern „zentrale Tätigkeit unserer Kirche“. Sie biete die Chance, „im säkularen Umfeld Positionen einzubringen“ und so die Sprach- und Dialogfähigkeit zu erhalten.

ISSN 2222-2464