Superintendent Lehner: Unverständnis für Eichmann-Brief

Superintendent Gerold Lehner "bedauert zutiefst" das Verhalten Mensing-Brauns.
Superintendent Gerold Lehner "bedauert zutiefst" das Verhalten Mensing-Brauns.

Oberösterreichs ehemaliger Superintendent Mensing-Braun ergriff 1960 Partei für NS-Verbrecher

Hamburg/Linz (epdÖ) – „Ich schätze Mensing-Braun als einen meiner Vorgänger im Amt. Er hat viel Gutes getan. Aber hier hat er gefehlt und ist darin schuldig geworden“, schreibt Oberösterreichs evangelisch-lutherischer Superintendent Gerold Lehner in einer Stellungnahme zur Veröffentlichung eines „Spiegel“-Berichts über den NS-Verbrecher Adolf Eichmann.

Wie das Hamburger Nachrichtenmagazin in seiner Online-Ausgabe berichtet, hat der ehemalige oberösterreichische Superintendent Wilhelm Mensing-Braun beim kirchlichen Außenamt in Frankfurt am Main im Juni 1960 für Eichmann Partei ergriffen, nachdem dieser in Argentinien am 11. Mai 1960 durch Agenten des israelischen Geheimdienstes verhaftet und nach Israel gebracht worden war, wo er sich vor Gericht für seine Taten während des Zweiten Weltkriegs verantworten musste. Über Eichmanns Büro wurde die Deportation von rund sechs Millionen Juden abgewickelt. Der „Schreibtischtäter“, wie ihn die jüdische Philosophin Hannah Arendt nannte, wurde zum Tode verurteilt und am 31. Mai 1962 hingerichtet.

„Charakterlich war er … von grundanständiger Gesinnung und ein Mann mit gütigem Herzen und großer Hilfsbereitschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er je zu Grausamkeit oder verbrecherischen Handlungen fähig gewesen wäre“, schreibt Mensing-Braun am 15. Juni 1960 über Eichmann, den er bereits jahrelang aus seiner Zeit als Pfarrer der Gemeinde Linz-Innere Stadt kannte.

„Ich verstehe, dass sich ein Pfarrer für die Mitglieder seiner Pfarrgemeinde einsetzt. Aber ich bedaure es zutiefst, dass er es in dieser Weise getan hat“, betont Gerold Lehner in seiner Stellungnahme. Auch wenn Eichmann in seiner Jugendzeit jenen Charakter gehabt habe, der ihm im Brief zugeschrieben werde, sei bekannt, dass es bei Eichmann eine Entwicklung gab hin in Richtung des Organisators des Massenmordes. Lehner erinnert daran, dass Eichmann bereits 1932 Mitglied der damals verbotenen NSDAP und wenige Monate später Mitglied der SS wurde. Dies könne Mensing-Braun nicht unbekannt gewesen sein. Ebenso habe er als Superintendent ab 1941 sehr genau wahrnehmen können, wie sich der Terror des Nationalsozialismus ausgewirkt habe, führt Lehner weiter aus. Dazu käme das Wissen nach Kriegsende. “Konnte man also im Jahr 1960 tatsächlich für jemandem, der geflohen war, sich der Verantwortung für seine Taten entzogen hatte und der für seine Flucht wohl gute Gründe gehabt haben musste, konnte man für einen solchen Menschen guten Gewissens gleichsam ´bürgen´?, fragt Lehner in seiner Stellungnahme.

Er empfinde es als “deprimierend und beschämend”, dass die Frage nach den Opfern und den Verbrechern im Brief Mensing-Brauns keine Rolle spielte. „Ich sage das nicht mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger des Spätgeborenen. Aber ich sage es mit dem bitteren Eingeständnis, dass meine Kirche hier und auch an anderen Stellen jenen Fragen ausgewichen ist, die zu stellen gewesen wären: jenen nach Schuld und Verantwortung – vor allem gegenüber ihren jüdischen Schwestern und Brüdern“, so der Superintendent.

Den Brief Wilhelm Mensing-Brauns an das kirchliche Außenamt der EKD in Frankfurt am Main und die Stellungnahme Gerold Lehners finden Sie im vollen Wortlaut auf “evang.at” in der Rubrik “Themen” unter dem Stichwort „Nationalsozialismus“.

ISSN 2222-2464