Sturm: Protestantismus in Europa braucht Strukturen

Huber: Keine Alternative zum wechselseitigen Respekt in der Ökumene – Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa tagt bis Montag in Budapest

Budapest (epd Ö) – „Die Stimme des Protestantismus stärken“ sei das heimliche Leitmotiv dieser Konferenz, sagte der Sprecher der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Oberkirchenrat Udo Hahn, am Donnerstag, 14. September, gegenüber epd Ö. Noch bis Montag, 18.9., tagt in Budapest die Vollversammlung der GEKE. Vor diesem Hintergrund sei das Tagungsthema „Gestalt und Gestaltung protestantischer Kirchen in einem sich verändernden Europa“ zu sehen. Bis jetzt wurden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen, die bei der letzten Vollversammlung 2001 in Belfast formuliert wurden, dem Plenum vorgestellt. Nun gelte es, in der Diskussion das Bild der GEKE herauszuschälen. „Wir stehen vor Umbrüchen, denn es wird eine neue Struktur geben, einen neuen Sekretär und einen neuen Ort für das Büro der GEKE.“ Hier ist Wien im Gespräch.

Die Arbeitsgruppen haben auch über eine gesamteuropäische Synode nachgedacht, für Hahn „schon ein Erfolg“. In den Kirchen gebe es unterschiedliche Vorstellungen von dem, was eine Synode ist. „Hier in Budapest liegen nun verschiedene Modelle auf dem Tisch. Nach den ersten Tagen der Bestandsaufnahme geht es nun darum, dass die Delegierten über diese Synode nachdenken.“ Die GEKE will ihre Zusammenarbeit verbindlicher gestalten, „davon sprechen hier alle Teilnehmerkirchen, und das ist sehr positiv für unsere Arbeit.“

Durch ihre Lehrgespräche will die Kirchengemeinschaft ein immer höheres Maß an Gemeinsamkeit im Protestantismus erreichen. Auf diese Weise könnten protestantische Positionen akzentuierter in die Gesellschaft eingebracht werden, so geschehen etwa bei dem Entwurf zur Verfassung der Europäischen Union. Beeindruckt zeigte sich Hahn von der professionellen und „hervorragenden“ Vorbereitung der Gastgeberkirchen: „Wir können hier sehr gut arbeiten und die Tagung dadurch erfolgreich gestalten.“

Bischof Sturm: Geschichte wird lebendig

„Hier wird Geschichte lebendig und gegenwärtig“, sagte der lutherische Bischof Mag. Herwig Sturm gegenüber epd Ö. Sturm, der an der Arbeitsgruppe „Versöhnung der Konfessionen in Europa“ teilgenommen hatte: „Man hat deutlich erlebt, dass die Menschen aus Rumänien oder etwa Serbien zu dem Bekenntnis stehen, in Frieden und gegenseitigem Respekt miteinander zusammenzuleben.“ Vertreter dieser Länder warnten davor, sich für nationale Interessen instrumentalisieren zu lassen, oftmals seien auch die Kirchen in diese nationalen Interessen verstrickt. „So wie hier habe ich diese historische Dimension der ‚Heilung der Erinnerungen’ vorher nicht erlebt“, betonte der Bischof. Sturm bewertete die Diskussion über eine gesamteuropäische Synode ebenfalls als gutes Signal: „Wir können inzwischen sehr offen darüber reden, dass der Protestantismus in Europa Strukturen braucht. Ich hoffe sehr, dass wir am Ende zu einem Statut kommen, das die GEKE stark macht.“

EKD-Ratsvorsitzender Huber: Starke Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen dringlich

Als „dringlich“ hat der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Dr. Wolfgang Huber (Berlin), eine starke Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa bezeichnet. Europa brauche die reformatorische Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen, die in die verbindliche Zuwendung zu Gott und zum Mitmenschen führe, sagte Huber in seinem vielbeachteten Referat vor den Delegierten der Konferenz. In seinem Vortrag zum Thema der Vollversammlung „Gemeinschaft gestalten – Evangelisches Profil in Europa“ unterstrich der EKD-Ratsvorsitzende, dass die Kirchen der Reformation in besonderer Weise die politische wie die kulturelle, die wissenschaftliche wie die wirtschaftliche Entwicklung der Moderne beeinflusst hätten und sich von ihr beeinflussen ließen. „Sie haben aus der Anerkennung der gleichen Würde von Frauen und Männern schließlich auch die notwendigen Folgerungen für die Gestalt des kirchlichen Amtes gezogen.“ Huber betonte, dass die evangelische Gestalt des christlichen Glaubens am „Leitbild des mündigen Christen“ orientiert sei. Sie sehe deshalb in der Mündigkeit des modernen Menschen keine Bedrohung des christlichen Glaubens, sondern eine Folge aus ihm. Daraus folge auch die Pflicht, etwa Bildungsprozesse zu ermöglichen.

„Versöhnte Verschiedenheit“ sei und bleibe ein Grundzug des ökumenischen Miteinanders, bekräftigte Bischof Huber. „Wir halten an der Hoffnung auf ein wachsendes Maß an Gemeinschaft fest; das Bemühen darum muss weitergehen. Aber die Verweigerung des Respekts vor dem Kirchesein eines ökumenischen Partners ist kein geeignetes Mittel, die Gemeinschaft mit ihm wachsen zu lassen“, meinte Huber in Richtung Rom. Zum wechselseitigen Respekt zwischen ökumenischen Partnern und zum Respekt vor den kirchlichen Ämtern gebe es „keine Alternative“.

Die Vollversammlung, die sich aus der ehemaligen Leuenberger Delegiertenkonferenz entwickelte, ist das höchste Gremium der GEKE. Etwa alle sechs Jahre kommen Vertreter aus allen Mitgliedskirchen zusammen und bestimmen die Grundlinien der Weiterarbeit, setzen neue Lehrgesprächsthemen fest und wählen den Exekutivausschuss.

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist die Organisation fast aller evangelischen Kirchen in Europa. Ihr Gründungsdokument ist die Leuenberger Konkordie von 1973. Bis jetzt haben 104 Kirchen die Leuenberger Konkordie unterzeichnet. Mit der Leuenberger Konkordie wurde die mehr als 450-jährige Epoche der Kirchenspaltung zwischen lutherischen und reformierten Kirchen beendet.

ISSN 2222-2464