Sturm: „Krise der Ökumene ist auch Chance“

„Brauchen in Frage der Abendmahlgemeinschaft dringend Fortschritte der katholischen Theologie“

St. Pölten (epd Ö) – Das Bemühen um die Überwindung der Spaltung innerhalb der Christenheit befindet sich nach Einschätzung des Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Herwig Sturm, in letzter Zeit in einer Krise. Sturm, bis zum Vorjahr Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Österreich, sieht in dieser Krise aber zugleich auch eine Chance: Wie er bei einer Veranstaltung des „Forum XXIII“ in St. Pölten zum Thema „Ökumene in der Krise?“ ausführte, bestehe diese Chance darin, dass die getrennten Kirchen im Dialog miteinander noch tiefer über die Themen nachdenken, die ihrer Einheit bisher entgegenstehen. Sturm zeigte sich optimistisch, dass man dabei zu einem Konsens finden könne. Der nachdrückliche Wunsch Christi, „dass alle eins seien“, verpflichte die Kirchen. Sich mit der Spaltung abzufinden, sei „Sünde“.

Der evangelische Altbischof erinnerte an die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Geschichte der ökumenischen Bewegung, die zunächst ohne Beteiligung der katholischen Kirche vonstatten ging. Mit dem Ökumenismus-Dekret des II. Vatikanischen Konzils sei es zu einer historischen „Wende“ gekommen: Das Dokument habe den Weg zu einem neuen, positiven Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den anderen Kirchen gebahnt, das auf wechselseitigem Respekt und auf Achtung der Werte des jeweils anderen beruhte. Auch in theologischer Hinsicht sei in vielem davor Trennenden Verständigung erreicht worden. Allerdings sei es in jüngster Zeit zu Entwicklungen gekommen, die – so Sturm – den Eindruck erweckten, als habe es die richtungsweisenden Aussagen des Ökumenismus-Dekrets nie gegeben. Als Indiz für diese Einschätzung führte Sturm das römische Dokument „Dominus Iesus“ an, das die protestantischen Glaubensgemeinschaften als theologisch „defizitär“ ansieht und ihnen abspricht, „Kirchen im eigentlichen Sinn“ zu sein.

„Trennung am Tisch des Herrn“ endlich überwinden

Als das vordringlichste ökumenische Problem bezeichnete Sturm die Überwindung der „Trennung am Tisch des Herrn“. Dass die „gemeinsame Teilhabe an der Eucharistie“ immer noch nicht möglich sei, sei für viele – namentlich gemischtkonfessionelle Ehepaare – eine „schmerzende Wunde“. Während die evangelischen Kirchen zur eucharistischen Gastfreundschaft ausdrücklich einladen, beharre die katholische Kirche darauf, dass eine wechselseitige Teilnahme an der Eucharistie nicht gerechtfertigt und sogar mit Sanktionen zu belegen sei.

Auf evangelischer Seite habe man gehofft, dass gerade Papst Benedikt XVI. als einer der führenden katholischen Theologen zu Wegen finden werde, die die Interkommunion auch aus katholischer Sicht möglich machen werden. Bedauerlicherweise habe er jedoch bis jetzt diese Thematik nicht aufgegriffen, sagte Sturm: „Wir brauchen in dieser Frage dringend einen Fortschritt der katholischen Theologie.“ Auch von evangelischer Seite sei im Bemühen um Einheit „noch einiges zu tun“, sagte Sturm und verwies auf das Verständnis des kirchlichen Amtes.

„Bahnbrechende“ Ökumene in Österreich

Sehr positiv beurteilte der ÖRKÖ-Vorsitzende die ökumenische Situation In Österreich. Allein dass die katholische Kirche diesem Rat als Vollmitglied angehöre, sei in Europa einmalig. Einen wichtigen Schritt zu einer vertieften Ökumene habe Kardinal König 1964 mit der Gründung der Stiftung „Pro Oriente“ gesetzt. Seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hätten die christlichen Kirchen in Österreich zahlreiche „bahnbrechende ökumenische Initiativen“ gesetzt, die auch im Ausland große Beachtung fanden. Eine davon sei das laufend „evaluierte“ gemeinsame Sozialwort der christlichen Kirchen, wegweisend seien auch die christlichen Bemühungen um einen Dialog mit Juden und Muslimen in Österreich. Kardinal Schönborn wiederum sei es – so Sturm – gelungen, durch einen neuen Zugang zu evangelikalen Gruppierungen überkommene antikatholische Ressentiments in diesen Kreisen weitgehend zu überwinden.

Weltweit gebe es aber in allen Kirchen Kräfte, die der Ökumene skeptisch, wenn nicht gar ablehnend begegnen. Dies geschehe zum Teil aus „Angst“ vor eigenem Profilverlust, nicht selten lägen die Differenzen aber auch „im Menschlichen“ bzw. in einem überall zu findenden Fanatismus. Große Bedeutung misst der lutherische Altbischof Impulsen von der „Basis“ bei, denen oft eine Vorreiterrolle zukommt. Besonders stark drängten die Frauen und die Jugend auf ökumenische Verständigung. Das Ziel müsse sein, dass alle Christen „unter einem Dach“ zusammenleben, wobei dieses „Haus viele Wohnungen“ haben sollte, sagte Sturm.

ISSN 2222-2464