Sturm: Historische Verletzungen überwinden

Symposion zur Rolle der Kirchen in Europa – Krätzl: Kirchen haben unverzichtbare Mitverantwortung

Wien (epd Ö) – Für den evangelisch-lutherischen Bischof Herwig Sturm liegt die Hauptaufgabe der Kirchen im neuen Europa in der „Heilung der Geschichte“. Es gelte, historische Verletzungen zu überwinden und zur Versöhnung der Völker beizutragen. Das erklärte der Bischof bei einem internationalen Symposion zur Rolle der Kirchen in Europa, das vom 22. bis 24. September in Wien und Preßburg stattfand. Im Auftrag zur Versöhnung liege eine große Aufgabe für die Kirchen und jeden einzelnen Christen, so der Bischof, der zugleich betonte, dass diese Aufgabe nur gemeinsam von allen Konfessionen gelöst werden könne.

Als zweite große Herausforderung für die Kirchen in Europa nannte Sturm die soziale Verantwortung. Jede Generation müsse diese Verantwortung mit jeweils aktuellen Schwerpunkten neu lernen. Dabei müssten sich die Kirchen in besonderer Weise einbringen. Als einen derzeit aktuellen Brennpunkt sieht der Bischof die Asylproblematik.

Zukunft hängt von Grundhaltung der Bürger ab

Die unverzichtbare Mitverantwortung der christlichen Kirchen für das neue Europa hat der Wiener römisch-katholische Weihbischof Helmut Krätzl unterstrichen. Die Zukunft Europas hänge wesentlich von der Grundhaltung und den Werten seiner Bürger ab. Hier seien die Kirchen gefordert, da sie – so Krätzl – die einzige gesellschaftliche Kraft darstellen, die eine Wertediskussion in Gang setzen könne. Konkret habe die Kirche etwa jene Themen und Werte einzubringen, die in der christlichen Soziallehre eine zentrale Rolle spielen: Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität.

Der Wiener Weihbischof nahm auch zur EU-Verfassung Stellung. Krätzl ortete hinter der Ablehnung des Gottesbegriffs die Angst, dass die Kirche zu viel Einfluss auf die Politik nehmen könnte. Letztlich gehe es aber auch nicht um die formale Aufnahme eines Begriffs in die Verfassung, sondern um die reale Umsetzung christlicher Werte im neuen Europa.

Keine Angst vor Kirche

Die Angst vieler Europäer vor einem zu großen Einfluss der Kirchen auf Politik und Gesellschaft wies der Industrielle und ehemalige VP-Parteiobmann Josef Taus als unbegründet und unberechtigt zurück. Zugleich plädierte er dafür, dass sich die Kirchen und die Christen verstärkt in die demokratischen Diskussionsprozesse einbringen sollten. Etwa im Sinne eines gut funktionierenden Sozialsystems und der Beibehaltung der sozialen Marktwirtschaft. Er sehe nicht ein, so Taus, warum man von diesem bislang so bewährten System nun abweichen sollte.

Taus zeigte sich davon überzeugt, dass Europa von einem christlichen Menschenbild wesentlich profitiere. Voraussetzung dafür sei aber, dass dieses Menschenbild von den Christen auch dementsprechend gelebt werde. Taus: „Christliches Denken und das Christentum sind in Europa viel stärker verankert, als die Kirche selbst das erkennt. Überall weht der Geist der zehn Gebote. Auch bei den so genannten und selbst ernannten Gegnern der Kirche“.

ISSN 2222-2464