Stocker: Kirchen dürfen digitalen Raum nicht Populisten überlassen

"In der Seelsorge werden viele Menschen sogar lieber zu einer Maschine gehen, weil die Anfangshürde niedriger ist", sagt Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica. Foto: epd/Uschmann
"In der Seelsorge werden viele Menschen sogar lieber zu einer Maschine gehen, weil die Anfangshürde niedriger ist", sagt Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica. Foto: epd/Uschmann

Ars-Electronica-Chef über Spiritualität und Digitalisierung

Wien (epdÖ) – Seit 1995 ist Gerfried Stocker künstlerische Leiter der Ars Electronica in Linz. Am Donnerstag, 13. März, war der Experte für Digitalisierung und Technologisierung im Rahmen einer Tagung kirchlicher PersonalreferentInnen in Wien. Der Evangelische Pressedienst hat ihn dort getroffen und mit ihm über mögliche Konsequenzen der Digitalisierung für die Kirchen gesprochen.    

Sie weisen regelmäßig darauf hin, dass sich die digitale Transformation immer mehr auf emotionale und zwischenmenschliche Bereiche ausweitet. Welche Auswirkungen hat sie auf den spirituellen Raum?

Hier haben wir es mit Kommunikationsstrukturen zu tun, und die sind stark der digitalen Transformation unterworfen. Was für Kirchen sicher notwendig ist, die sich verändernden Praktiken auch zu verwenden und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, um gewisse Dienstleistungen auch weiterhin anbieten zu können. Ein Bereich, der sich dramatisch verändert hat ist zum Beispiel die Telefonseelsorge. Ich würde die Frage aber auch umdrehen: Was kann der spirituelle Bereich dazu beitragen, dass sich die Technologie oder ihre Verwendung anders entwickelt? Wir haben zu viel Zeit damit verbracht, einfach zuzuschauen, was da passiert. Wenn wir uns jetzt aufregen, dass es zu viel Unsinn im Internet gibt, dann gibt es dafür nur einen Grund: Wir haben uns nicht genug angestrengt, auch ernsthafte Inhalte einzubringen.

Es geht also um eine ethische Reflexion dessen, was im digitalen Bereich geschieht?

Ich würde es selbstbewusster formulieren: Es geht darum, dafür zu sorgen, dass sich die Werte, für die man steht, auch im Digitalen abbilden. Das ist ja das, was die Rechtspopulisten derzeit tun. Wie wir in der realen Welt dagegen halten müssen, müssen wir das in der digitalen Welt.

Sie sprechen Fehlentwicklungen im Digitalen an, rechte Hetze, Shitstorms etc. Für viele ist aber vielleicht genau das der Grund, sich lieber da heraus zu halten, sich nicht in dieses Fahrwasser zu begeben…

Diese Menschen würde ich mit ihrer Verantwortung konfrontieren. Natürlich kann ich sagen, ich ziehe mich zurück. Aber gerade Kirche ist ja nicht nur für sich selbst da. Das moderne Verständnis der Kirche ist ja, für die Gemeinschaft da zu sein, für eine bessere Welt einzutreten. Es ist nicht einfach, man wird den einen oder anderen Fehlschlag erleiden, sich in einer Diskussion finden, die man so nicht wollte, man wird missverstanden werden, jemand wird das Wort im Mund umdrehen: Aber draußen zu bleiben hilft nichts. Erstens entwickle ich meine Kompetenz nicht, zweitens überlasse ich das Feld den anderen, und drittens bin ich kein gutes Beispiel für die nächste Generation.

Wenn nun Kirchen Facebook nutzen, unterstellen sich damit letztlich einem fremden Regime, spielen einem globalen Konzern mit faktischer Monopolstellung in die Hände. Wie ist damit umzugehen?

Es wird so schnell nicht möglich sein, dass ernsthafte Alternativen zu Facebook auftauchen. Die Dynamik ist enorm. Selbst mit den Skandalen der letzten Zeit kann Facebook User gewinnen. Am Ende muss jeder dafür eintreten, dass in die Systeme, die unsere Welt bestimmen, Werte reinkommen, die wir für wichtig halten.

Wird irgendwann eine Maschine wie Siri qualifiziert Seelsorge betreiben können?

Siri nicht, aber künftige Generationen. Diese Maschinen können relativ gut lernen. Und ein therapeutischer Prozess muss in mir selbst stattfinden, den kann kein Therapeut oder Seelsorger mit dem Löffel eingeben. Viele Menschen werden sogar lieber zu einer Maschine gehen, weil die Anfangshürde niedriger ist. Das höre ich auch von Menschen, die in der Telefonseelsorge arbeiten.

Die Church of England arbeitet bereits mit Alexa…

Im Moment ist das nur ein Mediengag, man bringt sich damit ins Gespräch. Das Problem ist, dass die Programme nicht darauf vorbereitet sind, mit menschlichen Tragödien wie einer Vergewaltigung umzugehen. Das kann dann sogar eine Traumatisierung verstärken. Da braucht es spezielle Systeme. Alexa und Siri sind Verkaufsmaschinen, die wollen „happy“ sein.

Gehört nicht zum Seelsorgerischen auch die Körperlichkeit?

Das ist einer der ganz großen Entwicklungspunkte, die jetzt überhaupt bevorstehen: das Postdigitale. Umso leistungsfähiger die digitalen Dinge werden, umso leistungsfähiger müssen jetzt auch die Schnittstellen werden. Solange das Telefon zum Reden da war, hat die Wählscheibe gereicht, jetzt brauchen wir wesentlich komplexere Oberflächen, um diese Funktionalität zu bedienen. Die Körperlichkeit ist eine der spannenden Dinge, bei denen sich herausstellen wird, wie weit die auch mechanisch-kinetisch substituierbar sind.

Und was bedeutet diese Veränderung für die Sexualität?

Am Ende überleben bestimmte Dinge, die für uns Menschen wichtig sind, und da gehört die soziale Komponente dazu. Im Moment sehen wir, zum Beispiel in riesigen Agglomerationen wie Tokio, dass Menschen den sozialen Anschluss verlieren. Aber das wird auch aufgebauscht. Die wirkliche Transformation im sexuellen Bereich wird eher die Fortpflanzungstechnik betreffen. Ein Optimieren der Fortpflanzung wird immer einfacher. Es wird eine Reproduktionstechnologie geben, vor der ich mehr Angst habe als vor der digitalen Transformation.

 

An der Tagung von 13. bis 15. März nahmen die PersonalreferentInnen aller deutschen evangelischen Landeskirchen und die österreichische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler teil, die das jährliche Treffen heuer organisierte. Dem thematischen Schwerpunkt „Digitalisierung: Chance oder Gefahr“ will sich Bachler in Zukunft verstärkt zuwenden: „Das Thema gehört zur Lebenswelt von uns Evangelischen und unseren Pfarrerinnen und Pfarrern dazu.“

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ISSN 2222-2464