Steffensky: Verstehen, was Gnade ist

Hamburger Theologe und Erziehungswissenschaftler plädierte auf der PfarrerInnentagung für den „Mut zum Glauben mit Rissen“

Gallneukirchen (epd Ö) – „Spiritualität ist die Aufmerksamkeit im alltäglichen Leben“, sagte der emeritierte Hamburger Theologieprofessor und Erziehungswissenschaftler Dr. Fulbert Steffensky in seinem Vortrag „Was meinen wir mit Spiritualität, und was meinen wir nicht?“ am 30. August bei der PfarrerInnentagung in Gallneukirchen. Steffensky: „Ehre ich das Wasser, die Stille, die Tiere, oder nehme ich das alles nur als für mich und meinen Nutzen gemacht?“ Spiritualität zeige sich darin, „sich zu lassen in dem Blick der Güte Gottes“. Das befreie von dem Zwang, „Produzent seiner selbst sein zu müssen.“ Dies bedeute das „Leben im Fleisch“ und die eigene „Lebensrechtfertigung“, von der Paulus schreibt. Wer dagegen die Gnade Gottes annehme, sei von diesem „Zwang der Selbstbezeugung“ befreit: „Evangelische Spiritualität bedeutet, zu verstehen, was Gnade ist.“ Das habe auch Einfluss auf den Beruf der Pfarrerin und des Pfarrers, denn „wir können uns annehmen als Fragmente, wie alle anderen auch.“ Es bestehe keine Notwendigkeit, zu „Tugendbolden der Gemeinden zu werden“.

In der Suche nach Spiritualität ortete der Professor auch moderne Erlebniszwänge: „Viele Menschen halten einfach die Normalität nicht aus und sagen sich, dass es da doch noch mehr geben muss.“ Es sei aber kein protestantischer Weg, sich selbst zu suchen, „denn wir sind schon gefunden, und das gibt uns das Ziel und befreit von den Zwängen der Selbstbeabsichtigung.“ Das wichtigste Instrument evangelischer Spiritualität sei die Bibel, und „hier dürfen wir Freigeister sein mit den heiligen Texten und mit dem Geist der Bibel der Bibel widersprechen.“ So ergebe sich eine „Wahrheit von innen durch uns Freigeister in Demut“.

In seinem weiteren Vortrag „Die religiöse Erziehung unserer Kinder“ am 30. August trat Steffensky dafür ein, dass man den „Wert der Aufführung und Inszenierung“ nicht aufgeben und auf das erste wortlose Verstehen von Kindern achten solle. In der Beachtung von Zeiten, Orten und Ritualen könnten Kinder deren Bedeutung erfahren. Ansonsten käme es zu einer Zerstörung des Rhythmus im Leben, was sich beispielsweise bei unregelmäßigen Essenzeiten zeige.

Menschen lernen in Bildern und Geschichten, und nicht durch das Argumentieren allein, so Steffensky. Daher brauche die Vermittlung von Hoffnung Geschichten, die erzählt werden. Weiters müsse die „dramatische Lebensangst“ der Kinder ernst genommen werden. Dieser könne man mit den „Abschieds-, Heimkehr-, Betrugs-, Befreiungs- und Linderungsgeschichten“ aus der Bibel begegnen, betonte Steffensky. Zum Schluss seines Vortrags plädierte der Theologe und Erziehungswissenschaftler „für den Mut zum Glauben mit Rissen“.

Ein weiterer Vortrag beschäftigte sich mit der Spiritualität als Pfarrerin und Pfarrer. Neben täglichen Bibelarbeiten, Morgen-, Mittags- und Abendgebeten haben die TeilnehmerInnen auch in Arbeitsgruppen zu Themen wie „Das Labyrinth und der spirituelle Weg“ oder „Leben aus dem Wort“ gearbeitet.

ISSN 2222-2464