Steffensky: Den Kindern ein Heimatgefühl geben

Bei seinem Vortrag in Villach plädierte der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky für einen kritischen und zugleich bewahrenden Umgang mit Traditionen

Villach, 19. März 2003 (epd Ö) Gerade in einer Zeit der Glaubensnot, in der vielen das Beten schwer fällt, kann der Hamburger Theologe Fulbert Steffensky Traditionen positive Seiten abgewinnen: „Ich lerne das Beten auch durch die alten Formeln, durch die Psalmen, durch das Vaterunser, durch überlieferte Lieder. Manchmal fallen sie mir leichter als die eigenen Worte. Man kann seinen eigenen halben Glauben, der schließlich auch sein Recht hat, mit der Sprache, der Geschwister – der toten und der lebenden – maskieren,“ sagte Steffensky. Bei seinem Vortrag am 14. März in Villach ermutigte der Hamburger Theologe, der aufgrund der Erkrankung seiner Ehefrau, Dorothee Sölle, allein nach Kärnten gekommen war, Erziehende, den Glauben in den „Kinderzimmern“ zu praktizieren. Den Kindern ein „Heimatgefühl“ zu geben, sei die Aufgabe der Lehrer, Seelsorger und Eltern. Dabei gehe es darum, die Herzen zu öffnen für bestimmte Zeiten und Rhythmen, die mit Orten und Ritualen verbunden werden. Der Religionsunterricht solle eine Zeit der Legenden sein, forderte Steffensky. Kindern wieder die Einfachheit des Lebens nahezubringen, erhöhe die Lebensintensität. Denn Überfluss könne die Seele taub machen und führe zur „Entsinnlichung“ des Daseins, so der Vortragende.

„Die alten Zeiten der Autoritäten, Geborgenheiten und Gewissheiten ist vergangen. Die Zeit meiner Kindheit war eine alternativlose, traditionsreiche Welt“, meinte der Theologe vor den zahlreichen Besuchern. Auf Einladung der Superintendentur Kärnten/Osttirol und der Evangelischen Akademie Kärnten war der 1933 geborene Theologe und Autor mehrerer Bücher nach Villach gekommen. In einer Zeit der Orientierungslosigkeit und der Vermarktung des Lebens sucht Steffensky behutsam Wege gegen den Trend: „Es ist neu zu überlegen, was es heißt, in einer Tradition zu stehen; was es heißt, Formen zu haben, die uns erbauen; was es heißt zu beten und unsere Kinder diese Sprache der Wünsche zu lehren. Und schließlich überlegen wir neu, was es heißt, an Gott zu glauben. Die Zeiten sind karg, wir können uns nicht damit begnügen, uns selber zu kennen und uns selbst zu erfahren.“ Leer gewordenen Traditionen sei kritisch zu begegnen. Den „Ratgeber-Ecken“ in jeder Buchhandlung stellte der Theologe die spirituelle Erfahrung des Lebens gegenüber. „Spiritualität ist aufmerksame Lesekunst des Lebens, sie ist leidenschaftlich.“

ISSN 2222-2464