Stammzellenforschung: Körtner kritisiert Ablehnung

Für den evangelischen Theologen ist die Haltung der katholischen Kirche zur embryonalen Stammzellenforschung „theologisch anfechtbar“

Wien, 24. Juli 2002 (epd Ö) „Theologisch anfechtbar“ sind nach Meinung des Wiener evangelischen Theologen und Ethikers Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner die Argumente katholischer Bischöfe und theologischer Fakultäten gegen die embryonale Stammzellenforschung. In einem „Furche“-Artikel nimmt Körtner kritisch zu der Tatsache Stellung, dass Österreich das 6. EU-Rahmenprogramm zur Forschungsförderung für die Jahre 2002-06 abgelehnt habe, weil darin auch die Förderung der Forschung an embryonalen Stammzellen vorgesehen ist. Körtner sieht in dieser Entscheidung wörtlich einen negativen „Einfluss der Österreichischen Bischofskonferenz“. Für deren Haltung seien „apodiktische Positionen“ kennzeichnend. In derselben „Furche“-Ausgabe befürwortet der katholische Mediziner, Pharmazeut und Theologe Dr. Matthias Beck, Dozent für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien, die österreichische Entscheidung. Beck forderte eine philosophische Grundsatzdiskussion über den Beginn menschlichen Lebens.

Die Bischofskonferenz hat nach Meinung Körtners zwar erfolgreich im Hintergrund agiert, aber kaum das Gespräch mit der Öffentlichkeit oder den anderen Kirchen gesucht. Von der lehramtlichen Meinung abweichende katholische Moraltheologen verträten ihre Positionen „hinter vorgehaltener Hand“. Deren Angst vor „kirchlichen Repressalien“ sei heutzutage „typisch katholisch“. Dies erschwere das Gespräch in allen Fragen.

Die evangelischen Kirchen in Österreich lehnten hingegen die Forschung an embryonalen Stammzellen nicht grundsätzlich ab, so Körtner. Selbst wenn man Embryonen als „werdende Menschen“ betrachte, fielen bei der In-vitro-Fertilisation überzählige Embryonen an. Dem Dilemma der Güterabwägung könne man nicht entgehen.

Gegen gefährliche Schlussfolgerungen

Körtner wehrte sich gegen seiner Ansicht nach „kurzschlüssige und gefährliche“ Schlussfolgerungen wie: „Erst sind die Embryonen an der Reihe, dann die Behinderten“. Es gehe offenbar gar nicht mehr um den Schutz des einzelnen Embryos, sondern um „anderweitige Sorgen und Ängste“, allgemeine Prinzipien würden verteidigt. Die moralische Verpflichtung gegenüber Kranken und die Pflicht zur medizinischen Grundlagenforschung trete in den Hintergrund. Faktum sei jedoch, dass die Wissenschaft international zweigleisig forsche – nämlich sowohl an adulten wie an embryonalen Stammzellen.

Matthias Beck erinnerte in seiner Entgegnung an die strittige und ungeklärte Frage, ob Embryonen in frühesten Stadien schon „Menschen“ sind, oder ob sie sich erst zum Menschen entwickeln. Der Wissenschafter kritisierte auch den seiner Ansicht nach bei Körtner offen zu Tage tretenden „Dominus-Iesus-Reflex“. Evangelische Theologen setzten sich jetzt gerne bewusst von katholischen Positionen ab, weil sie glaubten, ihnen werde in dem Vatikan-Dokument von September 2000 „das Kirchesein abgesprochen“. Beck erinnerte auch an die Negativ-Sicht der philosophischen Ethik bei Luther, weil nach seiner Auffassung die menschliche Vernunft durch den Sündenfall grundsätzlich gestört sei, schreibt Beck.

Während die reformatorische Auffassung der Vernunft misstraue und nur auf den Glauben („sola fide“), die Gnade („sola gratia“) und die Heilige Schrift („sola scriptura“) baue, könne der Mensch nach katholischer Ansicht mit Hilfe der Vernunft und der Philosophie Gott und die Welt (in Grenzen) erkennen. Die katholische Position sei daher, argumentiert Beck, philosophisch begründeter als die protestantische. Wenn Embryonen zur Forschung verzweckt würden, werde eine Schwelle überschritten, die die menschliche Würde antaste. Der Mensch würde zum Gegenstand und schließlich zur Ware.

ISSN 2222-2464