Staatsvertrag: Ökumenische Pfingstvigil im Stephansdom

Wien, 18. Mai 2005 (epd Ö) – Die christlichen Kirchen haben am Samstagabend in einer ökumenischen Pfingstvigil im Wiener Stephansdom der Unterzeichnung des Staatsvertrags vor 50 Jahren gedacht. In den Texten der Vigilfeier wurde die Freude über die Befreiung Österreichs nach den Jahren des Totalitarismus und des Krieges ebenso angesprochen wie die Mitschuld auch von Christen am Holocaust und anderen Verbrechen des Nationalsozialismus.

An der Feier, zu der Kardinal Christoph Schönborn gemeinsam mit den Repräsentanten der Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates eingeladen hatte, nahmen als Vertreter des Staates auch Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel teil. Für die Kirchen gekommen waren u.a. Kardinal Christoph Schönborn, der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm und Landeskirchenkurator Leopold Kunrath, der reformierte Landessuperintendent Wolfram Neumann, der orthodoxe Metropolit Michael Staikos sowie der altkatholische Bischof Bernhard Heitz. Seitens der Evangelischen Kirchen nahmen auch zahlreiche Superintendenten und Mitglieder des Oberkirchenrats teil.

Schuld müsse benannt und vor Gott gebracht werden, um sie so zu heilen, hieß es bei der Feier. Die Erlösung durch Tod und Auferstehung Jesu bedeute für die Christen zugleich die Hoffnung auf Erneuerung der ganzen Schöpfung. Als Zeichen der Verbundenheit mit den sprachlichen Minderheiten Österreichs wurden die Lesungen auch auf Ungarisch, Slowenisch und Kroatisch zu Gehör gebracht.

Unfassbare Verbrechen und unfassbares Leiden

„Auch bei uns haben Menschen unfassbare Verbrechen begangen, haben Menschen unfassbar gelitten“, sagte der lutherische Bischof Herwig Sturm. Aus der Geschichte von Schuld und Leiden könne man nicht heraustreten, man könne es aber „benennen und vor Gott bringen“. Die Vergötzung von Führer, Volk und Vaterland, die verdrängte Vergangenheit und „Unwilligkeit, Schuld zu bekennen“ sprach die Vorsitzende des Ökumenischen Rates, Oberin Christine Gleixner, an. Gott lasse sich nicht in Worte fassen oder auf Fahnen heften, betonte die reformierte Theologin Erika Tuppy, er bleibe „unwandelbar und unbegreiflich“. Für den altkatholischen Bischof Bernhard Heitz ist angesichts des latenten antisemitischen Bodensatzes die Frage des Eingestehens der Schuld vor 60 Jahren „äußerst aktuell“. Versöhnung sei nicht machbar, sondern könne immer nur im Dialog und aufeinander Zugehen erlebt werden. Christen hätten in der NS-Zeit zugesehen, wie andere verhaftet und ermordet werden, so Helmut Nausner. „Haben wir inzwischen besser lieben gelernt?“, fragte der frühere methodistische Superintendent.

ISSN 2222-2464