Sibylle Lewitscharoff: „Luther war Mann des Entweder – Oder“

Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff ging in ihrer Festrede auf Martin Luthers Bedeutung als Sprachbildner ein. Foto: epd/M. Uschmann
Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff ging in ihrer Festrede auf Martin Luthers Bedeutung als Sprachbildner ein. Foto: epd/M. Uschmann

Festrede über „Reformation als Sprachereignis“

Wien (epdÖ) – „Martin Luther war jemand, der gern auf den Tisch haute, war ein begabter Glaubensschäumer. Er besaß kein gemäßigtes Temperament, sondern war ein Mann des Entweder – Oder.“ Mit dieser These konfrontierte die Berliner Autorin und Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff die Gäste beim diesjährigen Reformationsempfang im voll besetzten Goldenen Saal des Wiener Musikvereins am Dienstag, 24. Oktober. In ihrer Festrede mit dem Titel „Die Reformation als Sprachereignis“ unterstrich die Büchner-Preisträgerin von 2013 die sprachbildende Wirkung Martin Luthers und der gesamten reformatorischen Bewegung. Lewitscharoff, die selber evangelisch ist, war von den drei veranstaltenden Evangelischen Kirchen in Österreich, der lutherischen, der reformierten und der methodistischen Kirche, auf Grund ihrer profunden literarischen Auseinandersetzung unter anderem mit biblischen Themen eingeladen worden. Anlass des Empfangs waren die Feierlichkeiten zum Beginn der Reformation vor 500 Jahren. Damals hatte Luther durch die Veröffentlichung von 95 Thesen zur Erneuerung der Kirche maßgebliche Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft angestoßen.

In ihrer Festrede ging Lewitscharoff auf die Rolle Martin Luthers als Bibelübersetzer und Sprachgestalter ein: „Die Bibel hatte jahrhundertelang im trüben Wasser gelegen, bis Martin Luther kam und sie barg.“ Dass Luther sich dabei auf das Alte, nämlich das textliche Original der Bibel zurückbezog, um Neues zu gestalten, sieht die Religionswissenschaftlerin nicht als Widerspruch: „Wer sich an das Neue wagt, bedarf immer der Würde des Alten. Auch Luther hatte den Mut, sich an das Alte zu wagen.“

Die Autorin würdigte Luther jedoch auch für seine Position in den politischen Ereignissen der Zeit: „Ein historisch wichtiges Ereignis, die Kolonisation von Teilen Afrikas und Südamerikas, fand kaum Widerhall in Luthers Denken. Seine Weltläufigkeit beschränkte sich auf eine Reise nach Rom. Und doch: Die Wucht der großen Welt erreichte ihn, als er am Reichstag zu Worms vor den Kaiser trat.“ Dort hat sich Luther bei Androhung der Todesstrafe geweigert, seine 95 Thesen zu widerrufen.

Sein aggressives Verhalten gegenüber Juden sei eine „beklagenswerte“ Seite des Reformators, ihn deswegen als Vorläufer der Nationalsozialisten zu sehen, bezeichnete Lewitscharoff als „absurd“. Vielmehr habe er mit seiner Übersetzung des Alten Testaments versucht, den jüdischen Teil der Bibel und das Neue Testament „enger miteinander zu verschweißen“.

Sibylle Lewitscharoff wurde 1954 in Stuttgart geboren und evangelisch getauft. Sie studierte Religionswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Ihre literarische Karriere begann sie mit Hörspielen und Radiofeatures, ihr erster Roman „36 Gerechte“ erschien 1994. Es folgten weitere Prosatexte wie „Pong“ (1998), „Apostoloff“ (2009) oder „Blumenberg“ (2011) und Essaybände wie „Vom Guten, Wahren und Schönen“ (2012). Lewitscharoffs Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, so etwa 1998 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Preis der Leipziger Buchmesse (2009) oder dem Georg-Büchner-Preis (2013).

In einem Interview mit dem evangelischen Magazin „Chrismon“ hatte Lewitscharoff im Dezember 2014 eine Kirche eingefordert, die „strenger, konzentrierter“ sei und sich nicht an den Zeitgeist anbiedere. Als religiös prägend nannte sie damals für sich ihre Großmutter sowie die Autoren der Moderne, insbesondere Franz Kafka und Samuel Beckett.

Den vollständigen Text zum Vortrag von Sibylle Lewitscharoff finden Sie hier.

Fotos vom Reformationsempfang finden Sie unter foto.evang.at

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ISSN 2222-2464