Seele – wo bist du?

Besucherrekord und Kontroversen bei der fünften Ökumenischen Sommerakademie im oberösterreichischen Stift Kremsmünster

Kremsmünster, 17. Juli 2003 (epd Ö) Spielt sich der Glaube im Gehirn ab? Kann man religiöse Erlebnisse hervorrufen, wenn man bestimmte Hirnregionen reizt? Und wenn ja, welche Bedeutung haben dann noch Begriffe wie Seele oder Gott?

Mit diesen und anderen Fragen beschäftigte sich die fünfte Ökumenische Sommerakademie im oberösterreichischen Benediktinerstift Kremsmünster. Sie fand von 9. bis 11. Juli unter dem Titel „Seele, wo bist Du – Hirnforschung und Menschenbild“ statt.

Der oberösterreichische Superintendent Hansjörg Eichmeyer hob in seiner Grußbotschaft hervor, dass der Begriff Seele in fast allen Völkern und Sprachen anzutreffen sei. An vielen Stellen in der Bibel könne man für den Begriff „Seele“ einfach das Pronomen „ich“ verwenden, sodass sich zur Frage nach dem Wesen der Seele die Frage nach der eigenen Identität, die Frage „wer bin ich“ geselle.

Der Linzer Diözesanbischof Maximilian Aichern erklärte in seiner Begrüßung, das Thema Glaube und Hirnforschung, das interdisziplinäre Gespräch von Theologen und Naturwissenschaftern, sei fundamental, positiv. „Wissenschaft und Seelsorge können so noch besser ihre Aufgabe erfüllen, im Dienst des Menschen – der Leib und Seele ist“, erklärte Aichern.

Die Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Oberin Christine Gleixner, betonte am Beginn der Tagung, dass sich die Kirchen naturwissenschaftlichen Fragen nicht verschließen dürfen. Die Erkenntnisse der Hirnforschung seien eine Herausforderung an Kirche und Gesellschaft, der man sich „ohne Ängste oder Verdrängung“ stellen müsse – frei nach dem Paulus-Wort: „Prüft alles – und das Gute behaltet.“

Einen Höhepunkt im Rahmen der Sommerakademie stellte auch heuer wieder die ökumenische Podiumsdiskussion dar. Unter dem Motto „Seele wo bist du – eine Anfrage an die Seelsorge“ diskutierten am vergangenen Freitag Hermann Miklas, Superintendent der evangelischen Diözese Steiermark, Klaus Küng, Diözesanbischof von Feldkirch und der orthodoxe Theologe Prof. Grigorios Larentzakis.

Miklas: Für eine ganzheitliche Sicht des Menschen

Zum Miteinander von Theologie und Naturwissenschaft sagte Hermann Miklas: „Wenn die Naturwissenschaft meint, über den religiösen Bereich kann ich keine Aussagen treffen, dann ist das kein Problem. Aber es ist tragisch, wenn die Naturwissenschaft sagt, den religiösen Bereich gibt es nicht“. Außerdem warnte Miklas vor einer verkürzten, nicht ganzheitlichen Sichtweise des Menschen: „Ein biologistisches Weltbild könnte zu den Wirkungen führen, die wir seit 50 Jahren überwunden glauben. Mir fallen da die Gehirne des Doktor Gross vom Spiegelgrund ein …“

Larentzakis: Vieles bleibt wissenschaftlich unbeantwortet

Der Grazer griechisch-orthodoxe Theologe Prof. Grigorios Larentzakis würdigte bei der Podiumsdiskussion die Leistungen der Naturwissenschaft; zugleich gelte es im Bewusstsein zu behalten, dass die Fähigkeiten des Menschen beschränkt seien und vieles wissenschaftlich unbeantwortbar bleiben werde. Auch wenn religiöse Empfindungen im Gehirn heute messbar seien, so wisse man deshalb nichts über ihren Ursprung und Sinnzusammenhang.

Widerspruch rief das Referat des Kölner Zoologen Prof. Wolfgang Walkowiak hervor. Er führte aus, dass bestimmte Formen der Epilepsie genau jene Erlebnisse hervorrufen können, die von großen Mystikern und Mystikerinnen beschrieben wurden. Der katholische Diözesanbischof von Feldkirch, Klaus Küng verwehrte sich dagegen, jedes außerordentliche Phänomen der Mystik als pathologisch einzustufen. „Die Seele ist nicht im Kopf. Sie ist das Lebensprinzip des ganzen Leibes und aller seiner Glieder“, sagte Küng, der auch ausgebildeter Arzt ist.

Die Sommerakademie zum Thema Hirnforschung verzeichnete heuer mit knapp 400 Interessierten einen Besucherrekord. Im kommenden Jahr wird die Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Glück, Gott, Gesundheit“ fortgesetzt.

Veranstalter waren das ORF-Landesstudio Oberösterreich und die ORF-Hauptabteilung Religion im Hörfunk, die Katholische Theologische Privatuniversität Linz, das Evangelische Bildungswerk Oberösterreich, das Stift Kremsmünster, das Land Oberösterreich, die „Kirchenzeitung der Diözese Linz“ und der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich.

Radio-Tipp: Die Sommerakademie steht auch im Mittelpunkt der Ö1-Sendung „Logos“ am 23. und 30. August.

ISSN 2222-2464