Schönborn: Interreligiöser Dialog unausweichlich

Ökumenischer Empfang in Wien – Gleixner: „Spirale der Gewalt im Nahen Osten darf sich nicht weiterdrehen“

Wien, 30. Jänner 2002 (epd Ö) „Der interreligiöse Dialog ist eine unausweichliche Aufgabe.“ Das betonte Kardinal Christoph Schönborn am Montagabend beim traditionellen Ökumenischen Empfang im Wiener Erzbischöflichen Palais. Die Ereignisse des 11. September hätten bewusst gemacht, dass die Christen gemeinsam den Dialog mit den anderen Weltreligionen, insbesondere den Muslimen, suchen müssen. „Sprechen wir Christen mit den anderen Religionen eine gemeinsame Sprache?“, fragte Schönborn vor zahlreichen Spitzenrepräsentanten aus den christlichen Kirchen. „Mit Sorge“ beobachte er Tendenzen in Österreich, die das Miteinander mit den Nachbarländern gefährden. Die christlichen Kirchen, so der Kardinal, hätten noch keine volle Gemeinschaft, seien aber zum gemeinsamen Zeugnis verpflichtet. Grundsätzlich plädierte der Wiener Erzbischof dafür, sich nicht entmutigen zu lassen und so zu tun, als wäre in der Ökumene nur alles „Stillstand“.

Die Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Oberin Christine Gleixner, unterstrich die Bedeutung der „Charta Oecumenica“, zu der sich alle 14 christlichen Kirchen in Österreich positiv geäußert hätten. Die „Charta Oecumenica“ warne ausdrücklich vor jedem „Eurozentrismus“. Daher fühlten sich die christlichen Kirchen in Österreich mitverantwortlich im Hinblick auf die Situation im Nahen Osten. Wörtlich sagte die Vorsitzende des Ökumenischen Rates in diesem Zusammenhang: „Die Spirale der Gewalt darf sich nicht weiterdrehen, sie führt in den Untergang“. Es müsse klare Bemühungen geben, um abgebrochene Brücken des Dialogs und gewaltsam zerschlagenes Vertrauen nicht als „unüberwindbare Tatsachen“ hinzunehmen, sondern zu helfen, dass die um Frieden ringenden Menschen und Gruppen international unterstützt werden.

Sozialwort: Kirchen kamen einander näher

Die orthodoxen und altorientalischen Kirchen in Österreich seien dankbar, dass ihnen im Zusammenhang mit der Erarbeitung des „Sozialworts“ die Möglichkeit geboten wurde, ihre Sozialkompetenz zu zeigen, betonte der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos. In der Vorbereitung des Projekts seien die Kirchen „einander näher gekommen“. Man habe entdeckt, dass „der eine für den anderen sprechen kann“ und die Auffassungsunterschiede minimal seien. Staikos unterstrich, dass das „Sozialwort“ kein gemeinsamer „Hirtenbrief“ sein wird, sondern ein Wort, das die Sorgen der Menschen ernst nimmt. Das orthodoxe Christentum dürfe nicht als „etwas Exotisches“ betrachtet werden, warnte der Metropolit. So sei der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. bei seinem jüngsten Besuch im Iran ganz selbstverständlich als eine der „führenden Persönlichkeiten der christlichen Welt“ empfangen worden.

Der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl berichtete beim Ökumenischen Empfang über die theologischen Gespräche in der Gemischten Katholisch-Evangelischen Kommission: Dabei sei es einerseits um die Klärung des gegenseitigen Kirchenverständnisses gegangen, andererseits um die Erarbeitung eines „ökumenischen Leitbildes“, das den Wandel von der „Konsens-Ökumene“ zur „Differenz-Ökumene“ zum Ausdruck bringt.

Bünker: Gewalt überwinden ist Überlebensfrage einer Generation

Als „Überlebensfrage einer Generation“ bezeichnete der evangelische Oberkirchenrat Dr. Michael Bünker die Anstrengungen, Gewalt zu überwinden. Es sei erschreckend, wie wenig die Kirchen in ihrer Geschichte davon umsetzen „konnten oder wollten“, sagte der Oberkirchenrat in seinem Bericht über die vom Weltkirchenrat ausgerufene „Dekade zur Überwindung der Gewalt“ (2001-2010). Die Kirchen in Österreich werden sich mit einem weiten Spektrum von direkter und struktureller Gewalt auseinandersetzen, kündigte Bünker an. Die breit angelegte Arbeit zur Dekade brauche die Erkenntnis, „dass das Frieden-Schaffen zum innersten Kern, zum Wesen von Kirche gehört“.

Weitere Berichte galten beim Ökumenischen Empfang dem Projekt Sozialwort, dem „Jahr der Bibel“, das für 2003 vorbereitet wird, und den Aktivitäten der Wiener Stiftung „Pro Oriente“.

ISSN 2222-2464