Schönborn: Gegenakzente zum Euro-Frust

Ökumenischer Empfang in Wien – Sozialwort international beachtet

Wien, 18. Jänner 2006 (epd Ö) – „Es steht den Christen gut an, gegen den vielerorts herrschenden Euro-Frust Gegentrends zu setzen. Nicht mit einer rosa Brille, sondern mit dem Realismus der Hoffnung.“ Das erklärte Kardinal Christoph Schönborn beim traditionellen Ökumenischen Empfang am Montagabend im Wiener Erzbischöflichen Palais. Erinnerung sei ein Auftrag der Bibel, so der Kardinal, und dies bedeute im Hinblick auf die europäische Integration, die blutigen Kriege des 20. Jahrhunderts nicht zu vergessen. Denn daraus sei die Idee des neuen und vereinten Europa gewachsen. Österreich müsse während seiner EU-Präsidentschaft besonders seine Brückenfunktion in Europa wahrnehmen. Ein Hauptaugenmerk sollte dabei auf den Krisenherden in Südosteuropa liegen, besonders auch auf dem Kosovo. Die Kirchen sollten sich vor allem auch beim Schutz der Gotteshäuser im Kosovo engagieren, forderte Schönborn. Das gelte sowohl für orthodoxe und katholische Kirchen als auch für muslimische Moscheen.

Friedensprojekt EU

Der neue Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm, stellte die Grußadresse der Kirchen anlässlich der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft vor. Darin bekennen sich die Kirchen zur EU-Erweiterung und bekräftigen ihre Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit. Die Kirchen würden in der Europäischen Union vor allem auch ein erfolgreiches Friedensprojekt sehen, betonte Bischof Sturm. Deshalb sollten auch die Arbeiten an der EU-Verfassung zügig weitergeführt und so der Ausbau von Grundrechten und Grundwerten verbindlich festgeschrieben werden. Besonderes Augenmerk müsse auch auf faire Zugangsregelungen für Asylwerber und Migranten gelegt werden. Sturm dankte auch seiner Vorgängerin, Oberin Christine Gleixner. Es sei eine „große Ehre und Aufgabe“ das fortzuführen, was Gleixner in ihren sechs Jahren als Vorsitzende vorgegeben habe. Dass die Römisch-katholische Kirche in Österreich Vollmitglied des ÖRKÖ ist, sei „beispielhaft für die Ökumene in Europa“.

Religionsunterricht: Kooperation stärkt konfessionelle Identität

Die ökumenischen Bemühungen im Bereich des Schulwesens unterstrichen die Leiterin des Wiener Erzbischöflichen Schulamtes, Christine Mann, und der evangelische Oberkirchenrat Michael Bünker. Als einen erfreulichen Punkt des vergangenen Jahres wertete Bünker die Tatsache, dass für wesentliche Schulmaterien auch weiterhin eine Zweidrittelmehrheit im Parlament nötig ist. Damit sei auch für den konfessionellen Religionsunterricht ein guter Weg in die Zukunft gesichert. Eine noch anstehende Herausforderung stelle die Umwandlung der kirchlichen Pädagogischen Akademien in Pädagogische Hochschulen dar. Erfreulich sei auch die Zwischenbilanz des Schulversuchs „Konfessionell-kooperativer Religionsunterricht“. An neun Pflichtschulen in Wien gestalten derzeit katholische und evangelische oder katholische und orthodoxe Religionslehrer zum Teil gemeinsam den Unterricht. Die Erfahrung zeige, so Bünker und Mann übereinstimmend, dass gerade durch diesen kooperativen Unterricht die jeweils eigene konfessionelle Identität gestärkt werde. Christine Mann: „Nur wer weiß, woher er kommt, wer er ist und wofür er steht, kann sich auch angstfrei dem anderen öffnen und einen fruchtbaren Dialog beginnen.“

Sozialwort ins Ungarische übersetzt

Von einer zunehmenden Bedeutung des Sozialworts des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich sowohl für Kirche als auch Politik berichtete der Direktor der Evangelischen Diakonie, Michael Chalupka. Soeben sei das Sozialwort unter dem Titel „Brücke in die Zukunft“ in ungarischer Sprache erschienen, eine englische Version werde in wenigen Tagen im Internet unter der Adresse www.sozialwort.at abrufbar sein. Das Sozialwort müsse Kompass für Österreichs EU-Präsidentschaft sein, betonte Chalupka und verwies auf heimische „Erfolge“ wie die Verankerung der Sozialverträglichkeitsprüfung im oberösterreichischen Regierungsprogramm. In vielen Gemeinden und Pfarrgemeinden würden beispielsweise auch soziale Leitbildprozesse im Gange sein, so der Diakoniedirektor weiter. Die Wiener Sozialethikerin Prof. Ingeborg Gabriel wies auf die vor kurzem erschienene wissenschaftliche Begleitstudie zum Sozialwort hin: „Perspektiven ökumenischer Sozialethik. Der Auftrag der Kirchen im größeren Europa“. Mit diesem Buch liege erstmals eine Darstellung der Sozialethik aus ökumenischer Perspektive vor.

Einheit in Europa

Bischofsvikar Nicolae Dura von der Rumänisch-orthodoxen Kirche informierte über die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (EÖV3), die im September 2007 im rumänischen Sibiu (Hermannstadt) ihren Höhepunkt findet. Die „EÖV3“ stehe unter dem Motto „Das Licht Christi scheint auf alle – Hoffnung für Erneuerung und Einheit in Europa“. Europa müsse mehr als eine bloße Wirtschaftsunion sein, so Dura. Aufgabe der Kirche sei es dabei, grundlegende geistige Werte bereitzustellen und diese lebendig zu erhalten. Dazu müssten aber die Kirchen in Europa mit einer Stimme sprechen.

ISSN 2222-2464