Schneider: „Kirchen müssen sich für Flüchtlinge einsetzen“

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Nikolaus Schneider war in Wien zu Gast. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Nikolaus Schneider war in Wien zu Gast. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)

Der Ratsvorsitzende über Politik, das EKD-Familienpapier und das Reformationsjubiläum

Wien (epdÖ) – Den Einsatz für Flüchtlinge hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Nikolaus Schneider als eine vorrangige Aufgabe für die christlichen Kirchen bezeichnet. „Flüchtlinge gehören zu einer Menschengruppe, die nicht aus eigener Kraft, aus eigenem Vermögen, aus eigener Stärke für ihre Rechte eintreten kann. Es ist unsere Aufgabe als Kirche, für diese Menschen einzutreten, bereits in der Bibel wird Engagement für Witwen, Waisen und Fremdlinge gefordert“, sagte Schneider  bei einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst in Wien. Angesichts des Flüchtlingsdramas vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa kritisierte Schneider das Verhalten der Europäischen Union. Die sogenannte Drittstaatenlösung, wonach Flüchtlinge von jenem EU-Land betreut werden müssen, auf dessen Boden sie erstmals die Europäische Union betreten, sei ungerecht. „Ich halte eine Reform, eine faire Lastenverteilung zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten für notwendig.“ Schneider, der von 4. bis 5. Oktober in Wien die Geschäftsstelle der Evangelischen Kirchen in Europa (GEKE) besuchte, forderte die zuständigen Politikerinnen und Politiker dazu auf, dieses Thema nicht für  billigen Populismus zu missbrauchen. Dieses Thema berge ein hohes Verängstigungspotential für weite Kreise der Bevölkerung, Politiker müssten also „klug“ damit umgehen.

Bezugnehmend auf die Bundestagswahl in Deutschland und die Nationalratswahl in Österreich betonte der Ratsvorsitzende die Bedeutung des europäischen Projekts für die einzelnen Mitgliedsstaaten der EU. „Wer heute Österreich oder Deutschland sagt, kann das nicht mehr sagen, ohne Europa im Blick zu haben.“ Die Parteien in Deutschland und Österreich stünden vor der Aufgabe, das europäische Friedensprojekt weiter voranzutreiben. „Aber eines ist auch klar: es muss auch ein Sozialprojekt werden, ein Verantwortungsprojekt.“ Europa müsse eine verbindlichere Gemeinschaft werden, die Solidarität übe und Verantwortung übernehme. „Das ist sicher auch mit einem Souveränitätsverlust der einzelnen Mitgliedsstaaten verbunden. Das geht aber nur, wenn die demokratische Legitimation Europas deutlich verbessert wird.“

Familienpapier und Reformationsjubiläum

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich Menschen, die in einer Patchwork-Familie leben oder Alleinerziehend sind und somit nicht mehr dem Vorbild der klassischen Ehe entsprechen, von der Kirche diskriminiert fühlen“, sagte Schneider bezüglich der umstrittenen Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. „Unsere Überlegung im Vorfeld war: Wie können wir etwas sagen, das dieses Zusammenleben wertschätzt“, so Schneider. Dahinter stehe die Überzeugung, dass diese Menschen ihr Zusammenleben überzeugend gestalten. Man könne die wesentlichen Werte, die hinter Institutionen wie Ehe und Familie stehen – also Wertschätzung, Liebe, gegenseitige Sorge, Verlässlichkeit, Treue – auch in neuen Lebensformen finden. „Wo das passiert sagen wir: da können wir den Segen Gottes erkennen, da sprechen wir den Segen Gottes auch zu.“ Für Schneider solle Kirche ganz konkret ein Raum sein, in dem auch solche Familien willkommen sind.

Schneider räumte ein, dass manche Passagen in der Orientierungshilfe ungenügend ausgearbeitet wurden. Darüber hinaus sei es noch nicht ausreichend gelungen, die Intention des Familienpapiers zu kommunizieren. Bei der EKD-Synode im November werde über das Dokument, das in gleichem Maße Zustimmung wie Ablehnung finde, noch einmal beraten und eine weitere Vorgangsweise besprochen.

Das Gedenken an die Reformation im Jahr 2017 solle als Reformationsjubiläum gefeiert werden, betonte der Ratsvorsitzende. Dieses Jubiläum werde sicher kein antikatholisches, kein nationalistisches Fest sowie auch kein Fest für Martin Luther. „Wenn man fragt, worum es bei der Reformation ging, dann ging es um die Zentralität Jesu Christi, dann ging es um die gute Nachricht Christi, die gute Botschaft, dass Gott es mit seinen Menschen gut meint, dass er sich in Liebe und Gnade zuwendet, und das ist verbunden mit der Person Jesus Christus.“ Dies wolle man feiern, so Schneider. „Ich meine, das können auch römisch-katholische Christinnen und Christen mitfeiern, das müsste auch eine römisch-katholische Kirche feiern können.“ Am Ende der Feierlichkeiten im Jahr 2017 sollen die Menschen ein Bewusstsein dafür haben, welche positiven Auswirkungen die Reformation auf die Welt hatte, etwa in Bildungsfragen. Gemeinsam mit der Deutschen Bischofskonferenz erarbeite der Rat der EKD  ein ökumenisches Kompendium, das zentrale Fragen über den christlichen Glauben beantworten soll. Darüber hinaus arbeite eine kleine ökumenische Gruppe derzeit daran, die Kontroversen der Vergangenheit unter dem Stichwort „healing the memories“ zu überwinden.

Bei seinem Besuch in Wien traf Nikolaus Schneider mit der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Österreich sowie mit VertreterInnen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zusammen. Ebenso stand eine Begegnung mit VertreterInnen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich auf dem Programm. Themen des Gesprächs mit der GEKE waren, wie Generalsekretär Bischof Michael Bünker gegenüber dem Evangelischen Pressedienst erklärte, neben den aktuellen Arbeitsvorhaben im Hinblick auf 2017 auch die Vertretung der GEKE in Brüssel und die Kooperation mit der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK/CEC).

ISSN 2222-2464