„Sakrileg“: Rätselrallye, dünne Suppe und Halbwahrheiten

Die Evangelische Akademie Wien und der Katholische Akademikerverband luden zur Podiumsdiskussion über den Verschwörungsfilm in das Wiener Village Cinema

Wien (epd Ö) – Was ist das Erfolgsgeheimnis hinter dem Blockbuster „Sakrileg“? Bei einer Podiumsdiskussion im Wiener „Village Cinema“ diskutierten am Donnerstagabend der evangelische Oberkirchenrat Michael Bünker, der römisch-katholische Dompfarrer Anton Faber und „Standard“-Filmkritiker Claus Philipp über die Verschwörungsstory rund um die angebliche Ehe zwischen Maria Magdalena und Jesus. Weltweit hat die Verfilmung des Romans „The Da Vinci Code“ von Dan Brown Millionen Menschen in die Kinos gelockt.

Bünker: Scheinaufklärung

Die Verschwörungstheorie rege zum Nachdenken an, meinte Michael Bünker, der sich eingangs über das „ungeheure Mediengesums und Marketing einer letztlich dünnen Suppe“ wunderte. Was bedeute es, wenn manche meinten, das Christentum beruhe auf einem großen Betrug, einem „riesigen Verbrechen“, fragte der Oberkirchenrat in dem von der ORF-Journalistin Ursula Baatz moderierten Gespräch. Religion werde heute als Integrationshindernis oder Sicherheitsrisiko diskutiert, Dan Brown diskutiere sie als Verbrechen. Im Zugriff auf religiöse Tabus verschwimmen, so der Oberkirchenrat, die Grenzen zwischen Religion und Wissenschaft. Wenn die komplexe Welt schwer auszuhalten sei, hätte die Reduktion auf einfache Wahrheiten Hochkonjunktur. Der Film deute die gesamte Wirklichkeit religiös verschlüsselt, heraus komme eine „Scheinaufklärung“ mit „Halbwahrheiten und Neuigkeiten, die schon Jahrzehnte alt sind“. Bünker erinnerte in diesem Zusammenhang an die „fragwürdige“ Retheologisierung von Gesellschaft, Politik und Kultur. Religion wie etwa auch Frauenrechte würden oft propagiert, erreicht werde letztlich das Gegenteil.

Philipp: Gesellschaft von Sudoku-Lösern

Ähnlich auch Filmkritiker Claus Philipp: Dass in der Ron Howard-Verfilmung mit Tom Hanks und Audrey Tautou unter „verlockender Anpreisung des Gegenteils“ der Status Quo bejaht werde, ist für Philipp auch eine „Wurzel des Erfolgs“. Ein weiteres Erfolgskriterium sieht Philipp im gesellschaftlichen Bedürfnis nach Orientierung: „Wir leben in einer Gesellschaft von Sudoku-Lösern, die in Systemen, die sie nicht gut verstehen, gerne Rätselrallyes machen.“ Nicht die Kirche an sich sei Hauptthema des Films, sondern die „Unübersichtlichkeit“. Gleichwohl sei der „Killermönch“ eine bewährte, „faszinierende Figur“. Kritik übte Philipp an der „aggressiven“ Reaktion der Römisch-katholischen Kirche, damit habe man erst „das PR-Schwungrad in Gang gesetzt“.

Faber: Nicht katholische Keule schwingen

Anders Anton Faber: Die offensive Medienarbeit von Opus Dei sieht der Dompfarrer positiv, ist zugleich aber „unglücklich mit einzelnen römischen Äußerungen“. Zwischen Film, Geschäftemacherei und Kirchenangriff müsste genau differenziert werden. Es sei „nicht die Zeit, die katholische Keule zu schwingen“. Vielmehr plädierte Faber dafür, „die Chance zu nützen und in gewinnbringender Weise Dinge richtigzustellen“. Insgesamt enthalte der Film einen Auftrag an die Kirchen zu verstärkter Bildungsarbeit. Die „Einebnung Jesu als wahrer Mensch und nicht als Gott“ bezeichnete Faber als „Todesstoß für die christliche Botschaft“.

Der Kirche werde durch den Film der Spiegel vorgehalten, meinte eine Besucherin in der fast mitternächtlichen Publikumsdiskussion. „Warum fürchtet sich die Kirche vor der Kraft der Frauen?“, fragte eine andere, und ein Besucher erklärte: „Was ist daran so schlimm, wenn Jesus verheiratet gewesen wäre und Kinder gehabt hätte? Für mich wäre der Gott dadurch nur menschlicher geworden.“

ISSN 2222-2464