Ringvorlesung: Bildung „zwischen Schmalz und Schwulst“

Wer Kitsch und Schmalz nur in den Niederungen des "volkstümlichen" Milieus vermutet, irrt gewaltig. Auch in der Wissenschaft werden oft nur "warmduselige" Gefühle erzeugt. (Im Bild: Angelnder Gartenzwerg. Foto: R.B./Pixelio)
Wer Kitsch und Schmalz nur in den Niederungen des „volkstümlichen“ Milieus vermutet, irrt gewaltig. Auch in der Wissenschaft werden oft nur „warmduselige“ Gefühle erzeugt. (Im Bild: Angelnder Gartenzwerg. Foto: R.B./Pixelio)

Erziehungswissenschaftler Reichenbach über den aufgeblasenen Bildungsdiskurs

Wien (epdÖ) – Über den Unterschied zwischen Kitsch und Kunst sowie Bildung und Erziehung sprach Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach (Universität Zürich) bei der Ringvorlesung „Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute“ am 27. Mai an der Universität Wien.

„Bildung ist nicht etwas grundlegend Eigenes und Anderes als Erziehung, Bildung ist auch nicht allein das Ziel der Erziehung, vielmehr sind Erziehungs- und Bildungsprozesse letztlich nur analytisch zu trennen, gehören aber in der realen Entwicklung des Menschen auf elementare Weise zusammen“, betonte Reichenbach in seinem Vortrag. Sich darüber grundlegend Gedanken zu machen sei wieder leichter möglich, weil der Bildungsdiskurs, der sich oft „zwischen Schmalz und Schwulst“ bewege, heute weniger aufgeblasen sei als noch vor wenigen Jahren. „Wenn im Bildungsdiskurs weniger geschmalzt und weniger geschwulstet wird, ergeben sich neue Möglichkeiten, die enge Verzahnung von Erziehung und Bildung wieder auf dem Boden der Wirklichkeit der Menschen zu deuten.“

Die Unterscheidung zwischen Schmalz und Schwulst, die Reichenbach vornahm, wurde von Hans-Dieter Gelfert eingeführt. In erster Linie unterscheiden sich beide durch die verschiedenen Affekte, die sie bedienen beziehungsweise die erzeugt werden sollen. Beim Schwulst verspreche einerseits die Form mehr, als der Inhalt bieten kann. Beim Schmalz hingegen versage die Form, die dem Inhalt nicht gerecht werde. Beim Schmalz gehe es um ein „warmduseliges Gefühl“, das erzeugt werden soll. „Während wir Schmalz leicht in TV-Sendungen wie ‚Musikantenstadl‘ oder ‚Deutschland sucht den Superstar‘ antreffen, begegnet man dem Schwulst vor allem in den Hörsälen der Universitäten, wohl vornehmlich in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Pädagogische und erziehungswissenschaftliche Literatur schmalzt eher, wenn es um Erziehung geht, und schwulstet vor allem im deutschsprachigen Raum, wenn von Bildung die Rede ist. Mit Montessori ist leicht schmalzen, mit Humboldt leicht schwulsten, wenn man so will“, sagte Reichenbach. Besonders Schmalz sei im pädagogischen und noch mehr im reformpädagogischen Bereich verbreitet. Die Ursache für den aus seiner Sicht lange Zeit aufgeblasenen Bildungsdiskurs sieht Reichenbach in den Veränderungen der neuzeitlichen Identitätsvorstellungen, die durch die Reformation vorangetrieben worden seien.

„Bildung fängt nicht dort an, wo Erziehung aufhört, vielmehr stehen beide in der Aufgabe, den Menschen aus seiner Zentrizität herauszuholen, aus dem Sumpf der Gedankenlosigkeit, der Interessenslosigkeit, des Unvermögens und der Selbstverachtung“, resümierte Reichenbach über das Verhältnis von Bildung und Erziehung und räumte gleichzeitig ein, dass auch dieser Satz „reich an Schwulst und Schmalz ist“. Dies zeige deutlich, „dass wir bis zum Hals im Kitsch stecken, wenn wir Bedeutungsvolles sagen möchten“.

Die Ringvorlesung „Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute“ wird von mehreren Fakultäten der Universität Wien, von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems sowie der Evangelischen Kirche in Österreich veranstaltet. Weitere Informationen zur Ringvorlesung und alle weiteren Termine finden Sie im Internet unter: bit.ly/1IyhkkC

ISSN 2222-2464