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Religionswissenschaftler Reiss: Palästinensische Schulbücher sind „besser als ihr Ruf“

Gegen Israel wird nicht gehetzt, aber das Judentum wird verschwiegen

Wien (epd Ö) – Die palästinensischen Schulbücher sind in Hinblick auf ihre Darstellung des Judentums die moderatesten im gesamten Nahen Osten, sie sind „besser als ihr Ruf“. Zu diesem Ergebnis kamen Untersuchungen, die der Professor für Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Dr. Wolfram Reiss, am 22. September beim XIII. Europäischen Kongress für Theologie präsentierte. Die gängige Überzeugung, dass in den Schulbüchern aller arabischen Länder gegen das Judentum gehetzt und ein „Kriegscurriculum“ angewendet werde, treffe nicht zu.

So sei zwar die ägyptische, aber auch die jordanische Schulbuchliteratur entgegen der vermittelnden politischen Position beider Länder von einem massiven Feindbild und von Antisemitismus geprägt sowie von dem pauschalen Vorwurf gegenüber „den Juden“, notorisch vertragsbrüchig und Verräter zu sein. Die zunächst auch von den Palästinensern verwendeten Bücher vermittelten, so Reiss, dass Betrug und Verrat allgemeine Grundcharakteristika des Judentums seien und eine grundsätzliche Feindschaft zwischen Gott und den Juden bestehe. Begründet würde dies mit den Auseinandersetzungen zwischen Mohammed und den Juden von Medina.

Dagegen seien in den seit dem Jahr 2000 eingeführten eigenen palästinensischen Schulbüchern sämtliche Antisemitismen und alle antiisraelische Polemik entfernt worden. Vielmehr würden Israel und die Juden völlig verschwiegen. Das Staatsgebiet sowie die Ortschaften Israels würden in Karten und Texten nicht eingezeichnet bzw. nicht erwähnt. Beispielsweise werde der kleine Ort Jaffa genannt, nicht aber die unmittelbar benachbarte Großstadt Tel Aviv. Religiöse Toleranz werde dagegen den Christen entgegengebracht.

Legitimiert würde in den palästinensischen Schulbüchern allerdings jegliche Gewaltanwendung zum Schutz der Heimat, was als im islamischen Recht nicht begründeter Aufruf zur Gewalt, aber auch als extreme Anstrengung für eine politische Friedenslösung interpretiert werden könne. Ebenso bleibe eine Interpretationsfrage, ob Israel als Partner für einen Frieden in Frage kommt. Durch das konsequente Verschweigen werde auch das Existenzrecht Israels nicht in Frage gestellt.

Schulbücher mit „Ventilfunktion“

Reiss führte die historisch unzutreffende Darstellung des Judentums in den ägyptischen und jordanischen Schulbüchern, deren Antisemitismus in der Tradition der islamischen Geschichtsschreibung keinen Anhalt habe, auf eine „Ventilfunktion“ zurück. Sie solle der Öffentlichkeit der im Nahostkonflikt vermittelnd auftretenden Staaten entgegenkommen, die über die Haltung ihrer Regierungen enttäuscht sei.

Das Verschweigen Israels in den palästinensischen Schulbüchern wertete Reiss als einen „ersten Schritt“ zur Sachlichkeit. Auf Grund der Tradition der islamischen Geschichtsschreibung müsse allerdings eine „sachliche deskriptive Darstellung“ des Judentums auch unter den gegebenen politischen Konstellationen möglich sein.

ISSN 2222-2464