Religionsgemeinschaften: Glaube verpflichtet zur Bekämpfung von AIDS

Weltkirchenrat-Generalsekretär Olav Fykse Tveit: „Nicht in sinnlosen Diskussionen aufhalten“ – Gebet der Religionen auf dem Karlsplatz

Wien (epd Ö) – „Eine Provokation der Religionsgemeinschaften gegen Diskriminierung“ wünschte sich der lutherische Altbischof Herwig Sturm in seiner Begrüßung zur Vorkonferenz zur 18. Internationalen AIDS-Konferenz in Wien, zu der die Kirchen und religiösen Organisationen am 17. Juli in die Technische Universität eingeladen haben. Der Vorsitzende des Lokalkomitees der österreichischen Glaubensgemeinschaften, das das Treffen vorbereitet hatte, sagte, Ziel der internationalen Konferenz mit dem Titel „Recht hier und jetzt. Was hat Glaube damit zu tun?“ sei es, „weiterzukommen in der Hilfe, der Wahrnehmung und der Gerechtigkeit“. Sturm hob den guten ökumenischen Dialog und die „gute Basis“ für das interreligiöse Gespräch in Österreich hervor und erklärte im Blick auf eine zuvor stattgefundene gemeinsame Morgenmeditation aller TeilnehmerInnen: „Mit dem gemeinsamen Gebet öffnen wir uns der Dimension Gottes.“

 

„Warum sollte unser Glaube uns nicht dazu verpflichten, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um die Krankheit AIDS zu bekämpfen?“, fragte der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Olav Fykse Tveit, in seinem Statement vor dem Plenum der rund 200 TagungsteilnehmerInnen. Diese Verantwortung habe, so Tveit, mit dem christlichen Menschenbild als dem Ebenbild Gottes, mit dem Doppelgebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten sowie mit der Forderung nach Gerechtigkeit zu tun. Der Generalsekretär warnte davor, sich „in sinnlosen Diskussionen aufzuhalten“ und bekräftigte: „Wir kämpfen gegen AIDS, weil wir Gott in unserem Nächsten sehen.“ Es gehe darum, theoretische Glaubenssätze in die Praxis umzusetzen.

 

„Null Neuinfektionen“ als Ziel

 

Vom Ziel „null Neuinfektionen“ sprach die stellvertretende Geschäftsführerin von UNAIDS, des Anti-HIV/AIDS-Programms der UNO, Jan Beagle. Auf dem Gebiet der Prävention müsse es eine „Revolution“ geben. Beagle rief die Glaubensgemeinschaften dazu auf, zur Überwindung der sozialen und kulturellen Klüfte beizutragen. „Religion muss dazu führen, auf humanitärer Ebene den Menschen zu helfen!“, bestätigte Hany El Banna vom „Humanitarian Forum“. Der Vorstandsvorsitzende der weltweit größten muslimischen Hilfsorganisation unterstrich: „Wir müssen als Gläubige aktiv für die Welt Verantwortung übernehmen.“ Benötigt werde medizinische Hilfe, aber auch „ein gewisses Maß an Spiritualität“, ergänzte Prudence Mabele, Geschäftsführerin von Positive Women’s Network. Die selbst HIV-infizierte Rednerin verwies auf eine „spirituelle Dynamik“ und eine „emotionale Ebene“ bei HIV.

 

Die Glaubensgemeinschaften haben von Anfang an eine wichtige Rolle in der Bekämpfung von AIDS gespielt, gleichzeitig haben sie mit diesem Thema ein Problem. Das konstatierte Marijka Wijnroks, AIDS-Botschafterin der Niederlande, bei der Konferenz: „Manche Positionen waren nicht gerade hilfreich.“ Wijnroks warnte davor, die trennenden Punkte zu betonen, es gebe eine breite Basis, auf der Religionsgemeinschaften aufbauen können. „Wir hoffen, dass diese positive Entwicklung fortschreitet“, sagte die Referentin. Dass es in den Religionen über HIV „sehr oft nur Schweigen“ gebe, kritisierte auch der Vorstandsvorsitzende von Global Network of People living with HIV (GNP), Kevin Moody. Moody, der sagte: „Wir brauchen keine Glaubensheiler“, forderte vielmehr, religiöse Gemeinschaften sollten Orte sein, wo Betroffene willkommen geheißen werden. „Betroffene ziehen Stärke aus den Glaubensgemeinschaften“, betonte der Experte. „Die Pandemie hat ein junges Gesicht“, meinte die Direktorin der Hilfsorganisation Shanti Ashram, Kezevino Aram. Die vorwiegend mit HIV-infizierten Kindern arbeitende, der Hindu-Religion angehörende Medizinerin sprach von Frustration, aber auch von „Möglichkeiten, zu verändern“. Dabei gehe es nicht nur um den globalen Raum, sondern auch um die lokale Ebene.

 

In der Debatte im Plenum wurde von den Religionsgemeinschaften gefordert, auch die soziale Komponente des HIV-Problems zu berücksichtigen. Kritisiert wurde die Ablehnung der „Glaubensheiler“. Afrikanische KonferenzteilnehmerInnen verwiesen darauf, diese seien Teil ihrer Kultur. „Wir können die Tatsache, dass Gott heilende Kraft hat, nicht einfach wegnehmen“, erklärte ein Diskussionsredner.

 

Vier Kennzeichen der Glaubenshoffnung

 

Bei einem die Vorkonferenz abschließenden Gebet der Religionen auf dem Wiener Karlsplatz mit dem Thema „Wir rufen nach Gerechtigkeit“ nannte der evangelische Pfarrer von Wien-Donaustadt Carsten Koch vier „Kennzeichen der Begegnung mit der Hoffnung des Glaubens“. So bete er erstens darum, „dass es den Kirchen, Christinnen und Christen mehr und mehr gelingt, die Menschen anzusehen, die Hilfe brauchen; ihnen ein Ansehen zu geben, ein Gesicht, einen Namen“. Ein weiteres Kennzeichen der Hoffnung des Glaubens sei, „das Tabu des Schweigens zu durchbrechen und den Betroffenen Namen und Gesichter zu geben“. Ein drittes Kennzeichen sei, „sich leiten zu lassen von der schöpfungsgemäßen Würde der Menschen, von Achtung und Respekt“. Das vierte Kennzeichen der Glaubenshoffnung sei, so der evangelische Pfarrer, „das umfassende Sich-Anvertrauen und das totale Vertrauen auf Jesus Christus“.

 

Pater Clemens Kriz von der Römisch-katholischen Kirche erinnerte bei dem Gebet der Religionen an Worte des Apostels Paulus aus dem Römerbrief: „Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Der Muslim Walied Abdelrahman betete mit Worten aus dem Koran: „O mein Herr! Gib mir Urteilsvermögen und zähle mich zu den Rechtschaffenen! Mache, dass die späteren Generationen meiner Wahrheit entsprechend stets gedenken! Nimm mich unter die Erben des wonnevollen Paradiesgartens auf!“ Ein Gebet aus den Upanishaden sprach Bimal Kundu von der Hinduistischen Religionsgesellschaft in Österreich: „Von der Illusion führe mich zur Wirklichkeit, von der Dunkelheit zum Licht.“ Und Ursula Komböck von der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft zitierte aus buddhistischen Schriften: „Wer sich nicht in Ansichten verliert, Tugend und Einsicht gewinnt, dem Sinnengenuss nicht verhaftet ist, für den gibt es keine Wurzel des Leides mehr.

 

Veranstaltet wurde die Vorkonferenz von der Ecumenical Advocacy Alliance („Ökumenische Anwaltschafts-Allianz“) mit Sitz im Ökumenischen Zentrum in Genf. In einem lokalen Vorbereitungskomitee in Österreich führt der ÖRKÖ den Vorsitz. In dem Lokalkomitee arbeiten die Evangelisch-lutherische und die Evangelisch-reformierte Kirche, die Römisch-katholische Kirche, die Altkatholische Kirche, die Islamische und die Buddhistische Glaubensgemeinschaft sowie World Vision Österreich mit.

ISSN 2222-2464