„Religion soll Menschen in ihrem Menschsein bestärken“

Beim interdisziplinären Kongress steht unter anderem das Menschenbild, das evangelischen Gottesdiensten zugrunde liegt, im Mittelpunkt. (Foto: Uni Wien)
Beim interdisziplinären Kongress steht unter anderem das Menschenbild, das evangelischen Gottesdiensten zugrunde liegt, im Mittelpunkt. (Foto: Uni Wien)

Interdisziplinärer Kongress beleuchtet evangelisches Menschenbild

Wien (epdÖ) – Mit „Menschsein und Religion“ befasst sich ein internationaler Kongress an der Universität Wien, der vom Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien organisiert wird. WissenschaftlerInnen aus ganz Europa kommen vom 9. bis 12. April nach Wien, um über „Anthropologische Probleme und Perspektiven der Glaubenskultur im Christentum“ zu sprechen.

„Religion soll Menschen in ihrem Menschsein bestärken“, erklärt Wilfried Engemann, Vorstand am Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie sowie Organisator des Kongresses. Darum beschäftige sich die interdisziplinäre Tagung mit Religion als einer Ressource, die den Menschen Mensch sein lässt und ihn um seiner selbst willen zum Thema hat. In der religiösen Praxis des Christentums sei dies nicht selbstverständlich. „Blickt man in die Religionsgeschichte, sieht man, dass Menschen immer wieder Dinge zugemutet wurden, die sie als Menschen überfordern“, so Engemann. „Im Protestantismus wird z.B. die Notwendigkeit eines eigenen Willens gern in Frage gestellt. Aggressionen, das Bedürfnis nach Abgrenzung, die Erfahrung, nicht alle Menschen immer lieben zu können usw. werden in der Liturgie oft als Sünde abgestempelt. Manche Gottesdienste vermitteln den Eindruck, Gott werde durch das Menschsein des Menschen dauernd beleidigt und müsse Sonntag für Sonntag besänftigt werden.“ Dabei gehöre es zu den Grundüberzeugungen der Reformatoren, dass Menschen vor Gott nicht etwas anderes zu sein brauchen als Menschen – mit all dem, was zur Ausstattung ihres Menschseins gehört, was man also zur Lebenskunst braucht: Unter anderem Klarheit über die eigenen Wünsche, einen eigenen Willen, Entscheidungsfähigkeit, betont Engemann im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst.

„Menschen, die mit der religiösen Praxis des Christentums vertraut sind, können manchmal den Eindruck gewinnen, sie müssten sich letztlich entscheiden, entweder gerne Mensch oder – mit einem unangenehmen Lebensgefühl – religiös zu sein“, sagt Engemann. Dabei gehe es gerade in der Praxis des Christentums nicht um abstrakte Glaubensgewissheiten, sondern auch um ein leidenschaftliches Dasein, verbunden mit den Erfahrungen von Freiheit und Liebe. „Verschüttetes Menschsein kann durch Religion freigelegt werden.“ Statt einen wertschätzenden Umgang mit sich selbst als Egoismus zu diskreditieren, statt die Nächstenliebe faktisch gegen die Selbstliebe auszuspielen, statt einen rigorosen Umgang mit sich selbst als Nachfolge zu deklarieren, sei es an der Zeit, „Gottesdienste als Orte der Menschwerdung des Menschen, als Schule der Selbstliebe“ zu kultivieren, unterstreicht der Praktische Theologe.

Beim interdisziplinären Kongress steht das Menschenbild, das evangelischen Gottesdiensten zugrunde liegt, im Mittelpunkt. „Am Sonntag hören die Gottesdienstbesucher beispielsweise oft, dass sie in der vergangenen Woche schon wieder zu wenig geliebt hätten. Wir haben den Neurobiologen Joachim Bauer eingeladen, der uns erläutern wird, inwiefern Menschen nichts lieber tun als zu lieben und keine egomanischen, auf Durchsetzung gestrickten Wesen sind, wie Darwin glaubte.“ Ausgehend von interdisziplinären Schlaglichtern auf die Anthropologie sollen unter anderem Impulse für eine zeitgenössische Gottesdienstkultur gewonnen werden, wobei auch der Dialog mit der Praktischen Philosophie und der Ethik zu seinem Recht kommen wird.

Die KongressteilnehmerInnen erwartet ein abwechslungsreiches Programm: von „Gottesdienst und geistliche Körper – eine Erkundung anhand liturgischer Vollzüge“ über „Die religiöse Bedeutung der Natur in der lutherischen Glaubenskultur in Island“ bis zu „Als Mensch zum Vorschein kommen. Anthropologische Implikationen religiöser Praxis“ wird das Thema „Menschsein und Religion“ facettenreich behandelt. Ein Juniorsymposium zum Thema „Religiös: Empfehlenswert? Praktisch?“ am 11. April rundet die wissenschaftliche Tagung ab.

Alle Informationen zum Kongress „Menschsein und Religion“ finden Sie im Internet unter menschsein2014.univie.ac.at

ISSN 2222-2464