Religion macht nicht krank – Frage der Vermittlung von Religion

Projekttag der Seelsorge des Wiener AKH anlässlich des Welttags der Kranken

Wien (epd Ö) – „Religion ist keine Person und kein handelndes Subjekt; insofern macht Religion nicht krank.“ Das betonte die evangelische Theologin und Krankenhausseelsorgerin Dr. Margit Leuthold am Mittwoch, 14. Februar im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) in ihrem Vortrag. Anlässlich des Welttages der Kranken, der am 11. Februar begangen wird, hatten die jüdische, die evangelische, die katholische und die muslimische Seelsorge zu einem Projekttag mit dem Thema „Macht Religion krank?“ in das AKH eingeladen.

 

Leuthold referierte, dass Religion als kulturelles Phänomen an Menschen gebunden sei. Religion bedeute „Rückbindung“. Indem Menschen sich an etwas rückbinden würden, könnte es dazu führen, dass sie sich und andere krank machen. Deshalb wäre die Frage eher „Macht der Glaube an Gott krank?“ Die Theologin gab zu bedenken, dass Religion nach Karl Marx dann „Opium fürs Volk“ sei, wenn Menschen durch den Glauben an Gott dazu gebracht würden, sich und andere zu unterwerfen und gefügig zu machen. Die Frage der Vermittlung von Religion sei also entscheidend. Leuthold verwies auf das Wort des Propheten Hosea, aufgenommen von Jesus Christus im Neuen Testament, „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“. In diesem Zusammenhang würde Jesus auch sagen: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Als Seelsorgerin stellte sie die Frage, welche Krankheiten in unserem Leben den Glauben an Gott benötigen würden und verwies u.a. auf das Vertrauen auf einen Gott, der barmherzig ist und auf die Hoffnung auf einen Gott, der Gerechtigkeit schafft.

 

Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheitsgeschehen

 

„Da Religion und Spiritualität offensichtlich Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheitsgeschehen haben, sollte das öffentliche Gesundheitswesen die religiösen Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten wahrnehmen.“ Das forderte Dr. Erich Lehner, Psychoanalytiker und Mitarbeiter der Abteilung Palliative Care und Organisationsethik an der Alpen Adria Universität Klagenfurt. In seinem Vortrag „Der Zusammenhang zwischen Religion und Gesundheit“ erinnerte Lehner an die von Sigmund Freud aufgestellte These, dass die Zwangsneurose das pathologische Gegenstück zur Religionsbildung sei. Lange Zeit wären die Thesen Freuds nicht hinterfragt worden, erklärte Lehner. Inzwischen wisse man aber, dass „zwischen der körperlichen Gesundheit und der persönlichen Religiosität ein vielfach nachgewiesener statistischer positiver Zusammenhang“ bestünde. Religion sei hilfreich, um Belastungen zu bearbeiten, einzelne Lebensereignisse in ein gesamtes Lebensgefüge einzuordnen und umso hilfreicher, je mehr sie in das alltägliche Leben integriert sei. So gebe es generell Formen von Religiosität, die positiv seien und Formen, die sich negativ auswirken würden.

 

Religiöser Zweifel ist gesund

 

An das Wort Gottes, weitergegeben durch den Propheten Hosea im Alten Testament, „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“, erinnerte der Religionswissenschaftler Univ.-Doz. Dr. Adolf Holl ebenfalls in seinem Vortrag „Religion JA, aber womöglich ohne Nebenwirkungen“. An dieses Hosea-Wort brauche man sich nur zu halten, so Holl. Er gratulierte den SeelsorgerInnen des AKH zu dem Projektthema. Sie hätten „eine unangenehme kritische Frage aufs Programm gesetzt“, die vor 20 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Der Religionswissenschaftler gab zu bedenken, dass der religiöse Zweifel gesund sein kann und dass man diesen Zweifel in freundlicher Weise zulassen müsse.

 

Pastoralassistent Dr. Franz Vock von der katholischen Seelsorge verwies darauf, dass krank zu sein meist eine Krise mit sich bringe und damit „unweigerlich eine Situation der Auseinandersetzung mit sich selbst“ herbeigeführt würde. Religionen und Glaube würden dabei „Gläubigen und nicht immer so ganz Gläubigen Sinngebung und Sinnfindung und einen Schlüssel zur Heilung“ anbieten. Der Seelsorger betonte: „Seelisches Wohlbefinden ist unabdingbar für den Prozess der körperlichen Genesung.“

 

Religiöse Räume des AKH als Orte der Stille und des Kraftschöpfens

 

Univ.-Prof. Dr.med. Reinhard Krepler, Ärztlicher Direktor am AKH, betonte, dass die Räume der Seelsorge im AKH „ein sehr wichtiger Ort der Stille und des Kraftschöpfens“ seien, „nicht nur für Patientinnen und Patienten, sondern auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Die MitarbeiterInnen des AKH seien tagtäglich mit „Leid und großer Verantwortung“ konfrontiert. Dabei sei „die Unterstützung durch die Religionsgemeinschaften unverzichtbar“.

 

Besuch bei einem Kranken ist religiöse Pflicht

 

Prof. Dr. Elsayed Elshahed, Leiter der Islamischen Religionspädagogischen Akademie in Wien, widmete sich dem Thema aus muslimischer Sicht. Er betonte, dass „eine Religion, die richtig verstanden wird, gesund macht“. Er sei der Überzeugung, dass es eine „gesunde Religiosität“ gebe. Elshahed erklärte, dass er „Religiosität eher gegen Krankheit stellen“ würde. Trotzdem gab er zu bedenken, dass die Art und Weise der Vermittlung einer Religion auch krank machen könne.

 

Darauf, dass „Gott der eigentliche Heiler“ sei, verwies Oberrabiner Prof. Paul Chaim Eisenberg. Er berichtete, ebenso wie Elshahed, von der religiösen Pflicht, Kranke zu besuchen, ihnen emotional und tatkrätig zu helfen und zu Gott zu beten. Eisenberg: „Eigentlich soll Religion Hoffnung geben und nicht krank machen.“ Was krank machen würde, wäre jede Form von Übertreibung, Übermäßigkeit und Extremismus. Die richtig verstandene Religion helfe auf dem Weg der Genesung, so Eisenberg.

ISSN 2222-2464