Religion in der Seele: Internationaler Kongress für Religionspsychologie in Wien

Wien (epd Ö) – ReligionspsychologInnen aus aller Welt vernetzt der Internationale Kongress für Religionspsychologie, der vom 23. bis 27. August erstmals an der Universität Wien stattfindet. Erwartet werden etwa 250 WissenschaftlerInnen aus ganz Europa und den USA sowie u. a. aus der Türkei, aus Indien, dem Iran, Indonesien, Singapur und Malta. Was geht in einem religiös motivierten Selbstmordattentäter vor? Wie lässt sich die Bindung zu einer transzendenten Instanz wie Gott psychologisch erklären? Warum fühlen sich gerade Jugendliche häufig zu okkulten Sekten hingezogen? In fünf parallel laufenden Foren werden Forschungsergebnisse zu unterschiedlichen Themen-bereichen vorgestellt und diskutiert wie etwa die Entwicklung von Fundamentalismen, Religi-on in der Populärkultur, religiöse Bewältigung von Krisensituationen oder die Entstehung von Gottesbildern.
Das fünftägige Treffen findet in Kooperation mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät und der Fakultät für Psychologie im Hauptgebäude der Universität Wien statt. Die Religionspsy-chologie hat sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständige, psychologische Dis-ziplin herausgebildet und beschäftigt sich, so Univ.-Prof. Susanne Heine, die mit dem Team ihres Institutes den Kongress organisiert, „mit dem Seelenleben des Menschen, insofern es religiös ist“. Religiosität müsse aber nicht unbedingt an eine bestimmte Glaubensrichtung gebunden sein: „Immer mehr durchaus säkulare Menschen schneidern sich ihr eigenes, individuelles Sinnsystem zurecht“, sagt Heine, die dem Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-theologischen Fakultät vorsteht. „Auch diese mo-dernen Formen, die Religiosität heute annimmt, werden auf dem Kongress diskutiert.“
Eröffnet wird der Kongress am Sonntag, 23. August, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität mit einem Vortrag von Univ.-Prof. James W. Jones von der Rutgers State Uni-versity / USA zum Thema: Sacred Values, Sacred Terror: Motivation, Psychology and Reli-gious Terrorism. Die Internationalen Kongresse für Religionspsychologie tagen in einem zwei- bis dreijährigen Rhythmus an verschiedenen europäischen Universitäten, und zwar im Auftrag der „Internationalen Gesellschaft für Religionspsychologie“, die bereits 1914 von Wilhelm Stählin gegründet wurde, der damals Professor für Praktische Theologie und später Bischof der Lutherischen Kirche Oldenburg war. Auch das Publikationsorgan der Gesell-schaft, das „Archiv für Religionspsychologie“, erscheint bis heute. Das Ziel der heutigen Internationalen Gesellschaft bestehe darin, die durch den Nationalsozialismus schwer be-schädigte Disziplin zu fördern und ihr durch die Bildung von internationalen Netzwerken wie-der Gewicht zu geben, erklärt Heine, die auch dem Vorstand der Internationalen Gesellschaft angehört.
Der Kongress findet zum ersten Mal in Wien statt und kann an eine mehrfache Wiener Tra-dition anknüpfen – nicht nur an Sigmund Freud, sondern auch an Karl Bühler, mit dessen Berufung an die Universität Wien 1922 das Institut für Psychologie begründet wurde, wo er zusammen mit seiner Frau Charlotte lehrte. Karl Beth, Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät, machte Wien zu einem religionspsychologischen Zentrum: 1922 gründete er eine Internationale Gesellschaft und ein Forschungsinstitut und versammelte auf einem ersten Kongress 1931 alle damals namhaften Religionspsychologen. So wie Freud wurden auch Beth und das Ehepaar Bühler 1938 vertrieben.

ISSN 2222-2464