Religiöse Erziehung als Gewaltprävention

Im Religionsunterricht geht es heute darum, junge Menschen zu einem gelingenden Leben zu befähigen.
Im Religionsunterricht geht es heute darum, junge Menschen zu einem gelingenden Leben zu befähigen.

Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Religionsgemeinschaften diskutierten über „Religiöse Erziehung und Gewalt“ im Rahmen der Wiener Vorlesungen

Wien (epd Ö) – „Religiöse Erziehung und Gewalt“ – so lautete das Thema der „Wiener Vorlesung“ am 16. Februar im Wiener Rathaus, die in Kooperation mit der Plattform für interreligiöse Begegnung veranstaltet wurde. Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Religionsgemeinschaften kamen zusammen, um über Religion, religiöse Institutionen und Gewaltprävention zu diskutieren.

„Der – aus heutiger Sicht fragwürdige – Zusammenhang zwischen religiösen Institutionen und Gewaltbereitschaft ist kulturgeschichtlich seit dem Ende der letzten Eiszeit evident, und zwar im altertümlichen Opferwesen“, erklärte der Wiener Religionswissenschaftler und Buchautor Adolf Holl in seinem Eingangsstatement. Gleichzeitig machte er darauf aufmerksam, dass die Kriege der vergangenen Jahrhunderte entmythologisiert wurden. Hitler, Stalin und Mao Tse-tung hätten für ihre Gräueltaten keiner religiösen Legitimation bedurft, so Holl.

Dass Gewalt im Rahmen der religiösen Erziehung heute keinen Platz mehr habe, betonte der evangelische Religionslehrer Christoph Örley. „Im Religionsunterricht geht es heute darum, junge Menschen zu einem gelingenden Leben zu befähigen.“ Jede Form von Druck oder hohen Ansprüchen sei zu vermeiden. Vielmehr versuche er in seinen Unterrichtsstunden, das Thema Gewalt kritisch zu reflektieren und den Schülerinnen und Schülern einen bewussten Umgang mit Bildern von Gewalt, wie sie in Nachrichten, im Internet und in Filmen zu finden sind, zu vermitteln.

Louise Hecht, Senior Lecturer für Jüdische Geschichte an der Palacký Universität in Olmütz, verwies auf den jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, der bereits im 18. Jahrhundert forderte, der jüdischen Gemeinde das Recht des Bannes zu entziehen, denn solange dieses Erziehungsmittel existiere, könne Druck und somit Gewalt auf Mitglieder ausgeübt werden. Gleichzeitig unterstrich Hecht, dass der säkulare Staat, der das Gewaltmonopol der Religion beschränkt, am idealsten für die Entwicklung der Religionen geeignet sei, wie das Beispiel der USA deutlich zeige.

Gewalt gehöre zum Menschsein, diese Ansicht vertritt Elmar Türk, Mediator, Lebens- und Sozialberater und Mitglied der buddhistischen Windhorse-Gesellschaft. Entscheidend sei es deshalb, Wege zu finden, wie Menschen mit Gewalt so umgehen können, dass kein Leid verursacht werde. Es sei jedenfalls absurd zu glauben, dass es eine Welt ohne Gewalt geben könne. Probleme mit Gewalt gäbe es im Buddhismus im Bereich des Lehrer-Schüler-Verhältnisses, das eine wichtige Rolle spiele. Immer wieder würden buddhistische Lehrer die Grenze zu ihren Schülerinnen und Schülern nicht strikt einhalten.

Von einer Spannung zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit in der christlichen Religion sprach Heribert Bastel, Institutsleiter an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Krems. Beide Motive fänden sich in den Büchern des Alten wie des Neuen Testaments. Gerade für seine Römisch-katholische Kirche sei das Thema „Religiöse Erziehung und Gewalt“ kein leichtes, wie die Missbrauchsfälle der vergangenen Jahre gezeigt hätten. In Schule und Religion, wo oft auch Zwang eine Rolle spiele, könne es leicht zu jener unheilvollen Mischung kommen, die Missbrauch ermögliche. Jedoch könne eine pluralistische Gesellschaft nicht auf Religionen verzichten, denn sie lieferten verbindende Werte.

„Terroristen haben nur die Institution kennengelernt, aber nicht die Seele des Islam. Nimmt man dem Islam die Spiritualität, bleiben die Gewalt und der Extremismus“, ist Zeynep Elibol, Leiterin der berufsorientierten islamischen Fachschule für soziale Berufe in Wien, überzeugt. Bereits der Prophet Mohammed habe immer wieder Wege aufgezeigt, wie Gewalt verhindert werden könne. Gerade die religiöse Erziehung könne daher helfen, Prävention zu betreiben und den Weg der Gewalt zu beenden.

Bildungswissenschaftlerin Neda Forghani-Arani (Universität Wien), Mitglied der relativ jungen religiöse Bekenntnisgemeinschaft der Bahá’í, ist davon überzeugt, dass es besser sei, keine Religion zu haben, sofern diese Ursache für Unterdrückung und Gewalt sei.

ISSN 2222-2464