Reiss: Dialoganstrengungen des Islam mit welthistorischer Bedeutung

Islam-Studientag des Theologischen Ausschusses

Wien, 25. Juni 2008 (epd Ö) „Diese Initiative ist nicht eine der vielen Dialoganstrengungen zwischen dem Islam und dem Westen, sondern sie hat vielmehr wirklich welthistorische Bedeutung“, sagte Prof. Wolfram Reiss in seinem Vortrag „Frieden zwischen Muslimen und Christen auf der Grundlage von Gottes- und Nächstenliebe?“ beim Studientag Islam des Theologischen Ausschusses der Synode A.B. und der Generalsynode am Freitag, 20. Juni, im Evangelischen Zentrum in Wien. Reiss bezog sich mit seiner Einschätzung auf einen offenen Brief von 138 muslimischen Führungspersönlichkeiten aus der ge-samten Welt an die obersten Repräsentanten der Christenheit. Das Dokument mit dem Titel „Ein Wort, das uns und euch gemeinsam ist“, wurde am 13. Oktober 2007, dem Tag des Ramadanfestes, versendet. Dieser offene Brief sieht einen möglichen Frieden zwischen Muslimen und Christen auf der Grundlage von Gottes- und Nächstenliebe. Das Dokument sei „ein deutliches Bemühen um Kontaktaufnahme der islamischen Welt an die christliche Welt. Es geht hier um einen theologischen Dialog, der versucht, an eine gemeinsame Basis zu erinnern“. Das Herausragende an diesem Schreiben sei, dass es „emphatisch“ angelegt sei, indem die Autoren immer wieder die Bibel zitieren. „Das ist ein ganz neuer Ansatz“, so Reiss. Gleichwohl gebe es auch „Anfragen“ an das Konzept. Auch wenn die Zitate aus der Bibel „grundsätzlich positiv zu sehen sind“, sei der Koran doch weiterhin das Kriterium für die Gül-tigkeit von religiösen Aussagen. Reiss: „Wenn das so bleibt, dann wird der Dialog schnell zu einer Einbahnstraße.“

Verquickung von Theologie und Politik

Der Religionswissenschafter ortet eine „Verquickung von Theologie und Politik“. Es sei fraglich, ob politischer Friede auf der Basis eines Konsenses zweier Religionen entstehen könne. „Was ist mit Menschen, die nicht einer dieser Religion angehören oder Menschen, die gar keiner Religion angehören?“ Ebenso sei die These zu hinterfragen, dass Krisen aufgrund von religiösen Konflikten entstünden. Gleichwohl könnten Appelle von Christen und Muslimen Erfolg haben, wenn sie Konfliktparteien ihre religiösen und ideologischen Grundlagen absprechen. „Für uns Christen gilt es jetzt zu bedenken, was es für uns bedeutet, wenn Gottesliebe und Nächstenliebe für Muslime im Zentrum stehen. Das muss doch Konsequenzen haben“, betonte Reiss. Hier sei jetzt die Theologie gefordert, „ganz neu Stellung zu nehmen“.

ISSN 2222-2464