Reingrabner: Evangelisch in St. Pölten „mehr als nur Episode“

Symposium thematisierte den Beitrag der Kirchen zur Stadtentwicklung

t. Pölten (epd Ö) – „‚Evangelisch in St. Pölten‘ stellt nicht nur eine Episode dar oder ist eine zu vernachlässigende Angelegenheit, sondern in mancherlei Hinsicht von Bedeutung, und zwar sowohl für die Kirche Christi in ihren verschiedenen Konfessionen wie auch für die Stadt, ihre Entwicklung und ihre Bewohner.“ Das erklärte der emeritierte Professor für Kirchenrecht, Gustav Reingrabner, beim Symposium „Die Kirchen und die Stadt St. Pölten“ am Freitag, 18. September, in der niederösterreichischen Landeshauptstadt.

Durch die 1900 gegründete Pfarrgemeinde, durch die Ausbildung der kirchenleitenden Strukturen und letztlich durch die Übersiedlung der Superintendentur nach St. Pölten im Jahr 1998 sei die Bedeutung der Stadt für den österreichischen Protestantismus gestiegen. „Als Gesprächspartner für Land, Stadt und Bistum sind seither Pfarrgemeinde und Superintendentur ebenso von Bedeutung wie als Faktor des öffentlichen Lebens“, sagte der Theologe und Historiker. Anders als zum Zeitpunkt der Errichtung der Pfarrgemeinde sei das Klima heute von gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft zur Zusammenarbeit geprägt. Die Diasporasituation der Evangelischen böte dennoch Anlass zu „gelegentlichen Problemen“, da „trotz vieler Bemühungen grundlegende Probleme der Ökumene nicht gelöst“ seien. Neben prinzipiellen Verstehensunterschieden gebe es auch praktische Schwierigkeiten für das Miteinander der Konfessionen und ihrer Angehörigen.

Alternative Bekehrung oder Emigration

Reingrabner skizzierte in seinem Referat die Geschichte der Evangelischen in St. Pölten von den Anfängen um 1522 bis zu den Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert. Bereits 1563 sei mit Martin Zandt ein Lutheraner zum Stadtrichter gewählt worden, mit Sigmund Süß habe ein „deutlich im Luthertum verankerter Geistlicher“ in St. Pölten gepredigt. Im 16. Jahrhundert hätten sich, so Reingrabner, vor allem die Stadtbürger der reformatorischen Bewegung angeschlossen. 1589 gelang es den Evangelischen noch einmal, die Mehrheit im Stadtrat zu erlangen, bevor die Gegenreformation die weitere Entwicklung prägte. So habe es etwa die erfolgreiche Verdrängung der ständischen Truppen aus dem Land zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges der Regierung in Wien ermöglicht, auch in St. Pölten gegen jene vorzugehen, die noch am evangelischen Bekenntnis festhielten. In diesen Jahren habe es für Evangelische nur die Alternative „Bekehrung oder Emigration“ gegeben. Die Stadt wurde „offiziell wieder katholisch“, die Geschichte der Evangelischen blieb dennoch „keine bloße Episode“. Trotz der Bemühungen, nach 1623 alle Erinnerungen an das Luthertum in der Stadt auszulöschen, zeuge etwa heute noch der sichtbare Ausbau der Rathauses, das in der „evangelischen Zeit“ seinen Turm erhalten hatte, von den protestantischen Einflüssen. In geistiger Hinsicht sei an das bürgerliche Selbstbewusstsein zu erinnern, das sich gerade in der evangelischen Zeit in Erneuerung mittelalterlicher Gegebenheiten bildete. Dem entsprach etwa die Errichtung der „Deutschen Schule“ für elementare Bildung, die eher der unteren Bevölkerungsschicht zugute kam. Auch nach dem Abklingen der Rekatholisierungsbemühungen habe die bauliche Entwicklung der Stadt dafür gesorgt, dass sich materielle Erinnerungen an die evangelische Zeit nicht erhalten haben. Vor allem die Zuwanderung von Evangelischen im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts habe die weitere Entwicklung geprägt, führte Reingrabner aus. Nach dem Protestantenpatent von 1861 konnten die ersten Schritte zur Organisation des kirchlichen Lebens gesetzt werden. Im Jahr 1900 wurde schließlich die Pfarrgemeinde A.u.H.B. St. Pölten gegründet.

Neben Gustav Reingrabner sprachen bei dem Symposium, zu dem der Ökumenische Arbeitskreis NÖ-West geladen hatte, Ronald Risy vom Österreichischen Archäologischen Institut und Heidemarie Specht vom Diözesanarchiv St. Pölten. Bürgermeister Matthias Stadler diskutierte mit Vertretern der Kirchen über die Bedeutung von Kirchen und Stadt heute. Ein ökumenischer Gottesdienst in der Franziskanerkirche schloss das Symposium ab.

ISSN 2222-2464