Rehner: Kirchenaustritte sind nicht unser Geschäft

"Ein politischer Mensch nimmt Anteil an dem, was in unserer Gesellschaft passiert. So gesehen bin ich ein sehr politischer Mensch." Foto: epd/M. Uschmann
"Ein politischer Mensch nimmt Anteil an dem, was in unserer Gesellschaft passiert. So gesehen bin ich ein sehr politischer Mensch." Foto: epd/M. Uschmann

Der neue steirische Superintendent im Video-Interview

Graz/Wien (epdÖ) – „Ich bin überzeugt, es ist nicht unser Geschäft, uns mit Kirchenaustritten zu beschäftigen.“ Das sagte der neue steirische Superintendent Wolfgang Rehner im Rahmen seiner Amtseinführung am Sonntag, 23. September, in Graz im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. „Wir haben nicht den Auftrag, Kirchenaustritte zu bremsen, sondern wir haben den Auftrag, als Kirche etwas in diese Welt hineinzutragen.“ Wenn das gelinge, so Rehner, dann werde das nicht ohne Folgen bleiben, sondern „Kreise ziehen und gute Ergebnisse bringen“. Diese würden sich zwar nicht unmittelbar in Kircheneintritten niederschlagen – die Evangelische Kirche in der Steiermark hatte in den letzten Jahren einen Mitgliederrückgang von 49.000 auf knapp 38.400 zu verzeichnen – aber zumindest in einem gelegentlichen Wahrnehmen des Angebots der Kirche. Es reiche keineswegs, sich nur mehr um diejenigen zu kümmern, die jetzt schon in der Kirche sind, dennoch „müssen wir aufpassen, dass da, wo wir Neues wagen, die Menschen, die den Betrieb aufrecht erhalten, sich nicht übergangen sehen“. In der heutigen Zeit seien Großinstitutionen wie Kirchen, aber auch Gewerkschaften „von vornherein verdächtig, weil die Einzelperson sich in einer Großorganisation nicht wirklich wahrgenommen und beachtet fühlt.“ Jedoch erwarte Rehner eine Umkehr des gesamtgesellschaftlichen Trends, wieder „hin zu mehr Verbindlichkeit“.

„Lese erst zwei Kapitel aus der Bibel, bevor ich Zeitung lese“

Gefragt, ob er ein politischer Mensch sei, meint Rehner, ein politischer Mensch nehme „Anteil an dem, was in unserer Gesellschaft passiert. So gesehen bin ich ein sehr politischer Mensch.“ Er habe sich jedoch auch angewöhnt, bevor er die Zeitung lese, zwei Kapitel aus der Bibel zu lesen. Generell sei für ihn als Gläubigen immer in Verbindung zu halten, was ihn als Christenmenschen und was ihn in politischer Hinsicht ausmache. Rote Linien, deren Überschreiten für ihn eine Intervention in die Tagespolitik erfordern würden, will Rehner keine „erfinden“: „Das ist ein Spiel, das ich nicht spielen möchte.“ Wenn heute, im Gedenkjahr 2018, mit Blick auf die Ereignisse des Jahres 1938 gesagt werde, „das hätte ich viel, viel besser gemacht, da hätte ich nie mitgemacht“, sieht Rehner das unrealistisch. „Ich kann mich nicht einfach über eine Zeit erheben.“ Die Evangelische Kirche in Österreich hatte den Einmarsch Adolf Hitlers im März 1938 begrüßt.

„Ein guter Manager kann kein guter Superintendent sein“

Unmittelbar nach seiner Wahl im März hatte Rehner  im direkten Gespräch bereits die notwendigen Managerqualitäten eines Superintendenten betont. Darauf angesprochen präzisiert er: „Ich glaube nicht, dass ein Superintendent ein guter Manager in der Wirtschaft sein kann, und ich glaube auch nicht, dass ein guter Manager aus der Wirtschaft ein guter Superintendent sein kann.“ Dazu seien die Zielvorstellungen – „ich möchte nicht von Werten sprechen“ – von Kirchen und Wirtschaftsunternehmen, zu verschieden. Dennoch gäbe es in Sachen Mitarbeiterführung oder Zeitmanagement viel zu lernen. Sein Ziel als Superintendent müsse jedenfalls darin bestehen, „die Fenster zum Himmel zu öffnen und die Türen zu den Menschen offenzuhalten.“

Kaum Frauen in kirchlichen Leitungsämtern: „Individuelle Gründe.“

Angesprochen auf die Frage, warum es zuletzt wiederholt keine Frau in ein kirchliches Leitungsamt geschafft habe, hebt Rehner individuelle Gründe hervor, die den jeweiligen Fall beträfen. Das zu verallgemeinern und zu sagen: ‚Daran liegt’s, wenn man da eine Stellschraube dreht, wird’s in Zukunft anders werden‘“ halte er für schwierig. Seine Hoffnung bleibe, dass es bei seiner Nachfolge „selbstverständlich“ sei, „eine Frau in diesem Leitungsamt zu haben, einfach aus der Beobachtung heraus, dass unsere jungen Kolleginnen und Kollegen sehr aktiv gute Wege suchen, um Beruf, Familie und ihr Zeitmanagement so zu sortieren, dass die Aufgaben, die gestellt werden, auch erfüllt werden können.“ Aufgaben zu übernehmen bedeute aber immer auch, andere abzugeben.

Ehe für alle: „Gutes Gespräch“ notwendig

Soziale Medien schätzt Rehner „wenn man daran denkt, wie die Reformation ihren Weg gefunden hat in die Gesellschaft“, dennoch sieht er sie auch kritisch auf Grund ihrer „Kurzatmigkeit, die eigentlich dem, was christliche Leben meint, nicht wirklich entspricht“. Christliches Leben habe immer mit Langatmigkeit zu tun: „Wenn du eine Meile gehst, geh zwei!“ In der Frage der Ehe für alle erhofft sich Rehner ein „gutes Gespräch“, in dem klar gemacht werde: „Wir nehmen der traditionellen Ehe nichts weg.“ Alles andere mache vielen Menschen Angst, „weil sie Verluste befürchten“.

Lieblingsort Brandriedl

Rehner, der zuletzt in Salzburg gelebt und als Pfarrer gearbeitet hat, kommt als Superintendent in das Bundesland zurück, in das er 1996 aus Rumänien immigriert war. Bei der Frage, ob er einen Lieblingsort im Land habe, muss der gebürtige Siebenbürge nicht lange überlegen: „Da gibt es ein paar ganz zauberhafte Stellen, eine ganz besondere davon ist aber der Brandriedl mit Blick auf Dachstein und Bischofsmütze. Ich glaube, wenn ich nach einem Lieblingsort gefragt werde, dann muss das reichen.“

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ISSN 2222-2464