„Reformation bedeutet die Welt verändern“

Landessuperintendent Thomas Hennefeld, Bischof Michael Bünker und Pastor Lothar Pöll bei der Pressekonferenz in Wien. Foto: epd/Uschmann
Landessuperintendent Thomas Hennefeld, Bischof Michael Bünker und Pastor Lothar Pöll bei der Pressekonferenz in Wien. Foto: epd/Uschmann

Reformationsjubiläum: Auftaktpressekonferenz in Wien

Wien, 20. Jänner 2017 (epdÖ) – Das Jahr 2017 steht für die Evangelischen Kirchen in Österreich ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums. Zahlreiche Veranstaltungen und Feiern erinnern an die Reformation und den Thesenanschlag Martin Luthers vor 500 Jahren. Gleich den anderen Reformatorinnen und Reformatoren bemühte sich Luther um eine Erneuerung der Kirche, die letztlich aber zu einer Kirchentrennung führte. „Reformation bedeutet die Welt verändern“, sagte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker in einer Pressekonferenz in Wien zum Auftakt des Reformationsjubiläumsjahrs, in der die Spitzen der drei Evangelischen Kirchen in Österreich über die bevorstehenden Aktivitäten und Schwerpunkte informierten. Die Reformation sei kein lokales oder nur regionales Ereignis gewesen, sondern ein Aufbruch, der ganz Europa erfasst und sich weltweit ausgewirkt habe. „Darum sprechen wir auch nicht von einem ‚Lutherjahr‘, sondern vom Reformationsjubiläum“, so Bünker, der auch Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist. Bünker erinnerte daran, dass dieses Reformationsjubiläum im Zeitalter der Ökumene gefeiert werde. Dies sei unter anderem deutlich geworden bei der Begegnung der evangelischen Kirchenleitung mit der Bischofskonferenz der Römisch-katholischen Kirche im November des Vorjahres sowie etwa beim ökumenischen Fernsehgottesdienst aus der evangelischen Versöhnungskirche in Linz am 1. Adventsonntag 2016.

Vor zahlreichen Medienvertretern machte Bünker darauf aufmerksam, dass das heutige Österreich vom reformatorischen Aufbruch in Kirche und Gesellschaft früh erfasst wurde. Allerdings habe es auch schon bald harte Gegenmaßnahmen gegeben, die diesen Aufbruch begleiteten. „Wir feiern das Jubiläum aber nicht nur in der Rückschau auf die historischen Ereignisse vor 500 Jahren, sondern vor allem durch die Frage: Was ist unser Auftrag als Kirchen heute? Welchen Beitrag geben wir für das Zusammenleben hier in Österreich?“, so der Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Zur Beantwortung dieser Fragen werde laut Bünker auf drei Leitbegriffe zurückgegriffen: „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Dafür setzen wir uns ein!“

„Die Reformation war in erster Linie eine Glaubensbewegung. Die Reformatoren kritisierten die Kirche, weil sie sich ihrer Ansicht nach von ihrem Fundament, der Heiligen Schrift, entfernt hatte“, erklärte der evangelisch-reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld. „Aus diesem Grund haben wir das Reformationsjahr in Österreich auch zu einem Jahr des Glaubens erklärt.“ Hennefeld betonte, dass wesentliche Elemente der Reformationslehre nach wie vor Relevanz hätten für die heutige Gesellschaft: „Zum Beispiel der Gedanke, dass mir alles im Leben geschenkt ist und ich mir nichts verdienen kann. Das bedeutet eine Absage an eine reine Leistungsgesellschaft und Profitmaximierung.“ Hennefeld zeigt sich überzeugt, dass der Glaube einen Platz in der Gesellschaft haben solle, auch wenn daraus keine Vormachtstellung beansprucht werden dürfe. „Bei so manchen Differenzen können wir unseren Glauben gemeinsam bekennen und uns für eine solidarische und inklusive Gesellschaft einsetzen.“

Motto „Freiheit und Verantwortung“

An den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung erinnerte der frühere evangelisch-methodistische Superintendent Lothar Pöll. Er griff damit das Leitmotiv des Reformationsjubiläums in Österreich auf: „Freiheit und Verantwortung seit 1517“. Pöll: „Die Geschichte der Reformation ist die Geschichte von einem mutigen Aufbruch in eine neue Zeit. Die Einsicht, dass ein jeder Mensch frei ist, selbst zu entscheiden, spielt dabei eine entscheidende Rolle: Wir sind in unserer Entscheidungsfreiheit nur an Gott und an das eigene Gewissen gebunden.“ Allerdings werde Freiheit heute oft missbräuchlich verwendet, einerseits als Vorwand für zügellosen Egoismus, andererseits würden Freiheiten heute häufig leichtfertig für vermeintliche Sicherheiten geopfert. „Freiheit bleibt aber nur bestehen, wo verantwortlich mit ihr umgegangen wird. Freiheit ist nur dort, wo ich auch in Verantwortung handle“, so Pöll, der den erkrankten Superintendenten Stefan Schröckenfuchs vertrat.

Auch auf die ökumenische Perspektive des Gedenkjahrs 2017 verwiesen die Spitzen der Evangelischen Kirchen. Landessuperintendent Hennefeld berichtete, dass im Vorfeld ganz bewusst der Kontakt zur Römisch-katholischen Kirche gesucht worden sei. Diese Begegnungen hätten bereits Früchte getragen. So werde es auch in den kommenden Monaten zahlreiche gemeinsame Veranstaltungen, etwa auf Pfarrgemeindeebene, geben. Bischof Bünker erinnerte an den Besuch von Papst Franziskus am 31. Oktober 2016 im schwedischen Lund, wo der Lutherische Weltbund gegründet worden war. „Bei diesem Besuch hat sich gezeigt, dass die Kirchen sich miteinander über die Wiederentdeckung des Evangeliums durch die Reformation freuen können. Gleichzeitig stellt man mit Bedauern fest, dass es zu Konfessionalisierung, Glaubenskriegen und Gewalt im Namen der Religion gekommen ist. Und gemeinsam überlegen wir als Kirchen, worin unsere Aufgabe heute besteht.“

Mutmach-Fest am Rathausplatz als „Green Event“

Zahlreiche religiöse und kulturelle Veranstaltungen begleiten das Reformationsjubiläumsjahr in Österreich. Am 30. September findet am Rathausplatz in Wien ein großes Fest statt, das den Menschen Mut machen soll, sich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Bünker: „Wir haben uns dafür entschieden, von der Bewahrung der Schöpfung nicht nur zu reden. Deswegen veranstalten wir das Fest komplett als nachhaltiges und umweltfreundliches ‚Green Event‘.“ Erwartet wird dazu etwa die Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee aus Liberia. Ab 16. Februar zeigt das Wien Museum die Ausstellung „Brennen für den Glauben. Wien nach Luther“. Bereits am 10. Februar findet der Reformationsball in der Wiener Hofburg statt, zu dem zahlreiche Gäste aus ganz Europa erwartet werden. Eine eigene App, die Wiener Schülerinnen und Schüler im Religionsunterricht erarbeitet haben, bietet einen Audio-Guide durch das evangelische Wien.

Alle weiteren Termine und Informationen zum Reformationsjubiläum finden sich auf der eigens eingerichteten Seite www.evangelisch-sein.at.

ISSN 2222-2464