Reformation aus feministischer Sicht nicht abgeschlossen

Begabt, gelehrt, angefeindet - auch die Frauen der Reformation hatten mit der vorherrschenden Geschlechterordnung zu kämpfen. Im Bild: Die aus Säckingen stammende Wibrandis Rosenblatt.
Begabt, gelehrt, angefeindet – auch die Frauen der Reformation hatten mit der vorherrschenden Geschlechterordnung zu kämpfen. Im Bild: Die aus Säckingen stammende Wibrandis Rosenblatt.

Theologin Leuthold: Reformation hat in erster Linie Spielräume der Männer erweitert

Wien (epdÖ) – Reformation, Bildung und Frauen – unter diesem Motto stand die Vorlesung von Margit Leuthold am 6. Mai im Rahmen der Ringvorlesung „Reformation und Bildung“. Die Wiener Krankenhausseelsorgerin hat sich während ihres Philosophie- und Pädagogikstudiums intensiv mit Feminismus beschäftigt und war in der Frauenarbeit aktiv.

„Frauen haben an relevanten Punkten die Reformation entscheidend mitgestaltet, das hat aber nichts an ihrer gesellschaftlichen Position geändert. Die Reformation hat nicht zur Gleichberechtigung der Geschlechter beigetragen“, betonte Leuthold. Zwar habe Luther auch Mädchen den Schulbesuch ermöglicht und diesen auch für wünschenswert gehalten. Allerdings hätten sich durch die Reformation nur die „Spielräume der Männer“ erweitert. Die Frauenrolle wurde definiert durch die Aufwertung der bürgerlichen Ehe, als moralisches Fundament diente die so genannte „Haustafel-Ethik“, die sich aus dem Epheserbrief und dem Kolosserbrief ableitet und eine Unterordnung der Frau unter den Mann propagiert. „Neutestamentliche Texte wie der Galaterbrief, die eine Gleichberechtigung der Geschlechter implizieren, haben keine Resonanz gefunden“, so Leuthold. Letztlich entwickelte sich der Ehestand zum „Modellfall der Geschlechterordnung“, zeigte sich Leuthold überzeugt. Dies führte in Folge zu einer Verschlechterung der Situation für die Frauen.

Trotz aller widrigen Umstände sei es einzelnen Frauen gelungen, gestaltend tätig zu werden, etwa Herzogin Elisabeth zu Braunschweig-Lüneburg, Herzogin Katharina Sidonia von Teschen, Wibrandis Keller, Olympia Fulvia Morata oder Dorothea Jörger, „Martin Luthers beste treue Freundin in Christo“.

Speziell in Nord- und Ostdeutschland hätten sich interessanterweise ein paar protestantische Damenstifte gebildet, erklärte Leuthold. Der Gedanke der Reformation, die Vorstellung eines allgemeinen Priestertums und davon, dass alle lesen können, fand auch unter den Frauen viele Anhängerinnen. „Katharina Zell (1497-1562) ist hier ein wichtiger Name. Sie predigte öffentlich, verfasste Psalmenauslegungen, die sie auf eigene Kosten publizierte, und schrieb Trostbriefe an Protestantinnen“, sagte Leuthold. „Dies war ihr aber nur möglich, solange sie verheiratet war.“ Bereits für ihre Beerdigungsansprache beim Begräbnis ihres Mannes wurde sie angefeindet. Heute habe Katharina Zell für viele Frauen Vorbildwirkung, nicht zuletzt sei sie eine wichtige „Wegbereiterin der Toleranz“. Allerdings gebe es für diesen Abschnitt der Kirchengeschichte nach wie vor großen interdisziplinären Forschungsbedarf, hier passiere an den evangelisch-theologischen Fakultäten noch viel zu wenig, kritisierte Leuthold.

„Die persönliche Freiheit und mögliche Selbständigkeit von Frauen war kein wichtiges Ziel der Reformation. Frauen waren an die konkrete familiale Situation und den gesellschaftlichen Kontext gekoppelt“, resümierte Leuthold. Sie erinnerte daran, dass die Evangelische Kirche erst 1982 Frauen gleichberechtigt ins Pfarramt ordiniert hat. „Es hat fast 450 Jahre gebraucht, bis es soweit war. Erst jetzt ändert sich langsam die patriarchale Struktur der Kirche.“ Aus dieser Sicht sei die Reformation als Transformation der patriarchalen Herrschaftsstrukturen hin zur Freiheit aller Christenmenschen unabhängig vom Geschlecht jedenfalls noch nicht abgeschlossen.

Die Ringvorlesung „Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute“ wird von mehreren Fakultäten der Universität Wien, von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems sowie der Evangelischen Kirche in Österreich veranstaltet. Margit Leuthold ist kurzfristig für die Schulpädagogin Barbara Schneider-Taylor (Universität Wien) eingesprungen, die ihren Vortrag krankheitsbedingt absagen musste. Weitere Informationen zur Ringvorlesung und alle weiteren Termine finden Sie im Internet

ISSN 2222-2464