Protestantische Vielfalt im Wandel

Empirische Studie unter Mitgliedern der Evangelischen Kirche in Österreich ergibt differenziertes Bild

Wien, 12. Dezember 2001 (epd Ö) Die Evangelische Kirche in Österreich ist in sich vielfältig und differenziert. Das ergibt eine empirische Erhebung unter Mitgliedern der Evangelischen Kirche, die im Rahmen der Langzeitstudie über die Bedeutung von Religion im Leben der Österreicher durchgeführt wurde. Die Ergebnisse wurden am Mittwoch, 5. Dezember, in Wien präsentiert.

Die Evangelische Kirche erscheine als eine „komplexe, pluralistische und in sich nicht selten widersprüchliche Einrichtung“, in der der Übergang von der „Religion als Schicksal“ zur „Religion als Wahl“ zwar mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, aber insgesamt unrevidierbar ablaufe, so die Studie. Die Vielfalt führt die empirische Untersuchung auf die historische Entwicklung der Evangelischen Kirche zurück. Demnach unterscheidet sie drei Typen von Gemeindegebieten: Toleranzgebiete (z.B: Schladming, Gosau, u.a.), Schwerpunktgebiete (z.B. Villach, Neusiedl/See) und Gemeinden in Großstädten (z.B: Wien, Graz, Linz). Die Studie treffe daher nur bedingt Aussagen über „die“ Evangelischen in Österreich, schränkte der evangelische Theologe Dr. Thomas Krobath bei der Präsentation ein.

Widersprüche konstruktiv in Bewegung setzen

Für die Evangelische Kirche konstatiert die Studie einen tiefgreifenden Wandlungsprozess: „Aus einer betont nicht-katholischen, kirchlich-traditionalistischen und ausdrücklich unpolitischen Rückzugsmentalität schälen sich Konturen kritischer Aktualisierungsversuche, einer stärkeren Akzeptanz der Frauen im geistlichen Amt, ökumenische Offenheit und Erwartungen an deutlicheres kirchliches Engagement im sozialpolitischen Bereich heraus“, was auch die Kirchenleitung vor neue Herausforderungen stelle. Krobath: „Gefragt ist ein kirchliches Management, das diese Widersprüche konstruktiv in Bewegung setzen kann.“

Während die Evangelischen in den Toleranzgebieten mehr zur Tradition tendieren und jene in den Großstädten eher auf Veränderung setzen, prallen in den Schwerpunktgebieten diese beiden Tendenzen „hart und oft widersprüchlich“ aufeinander. Christliche Überzeugungen, so die Studie, prägten die Weltanschauungen der Evangelischen „nur wenig“. So vertrage sich etwa der „Glaube an einen persönlichen Gott“ in den Schwerpunktgebieten mit einer überdurchschnittlichen Fremdenfeindlichkeit, während er sich in der Großstädten mit einer überdurchschnittlichen Toleranz verbinde.

Für den Frieden und gegen die Armut

Kirchenferne Evangelische erwarten sich von ihrer Kirche nichts (mehr), hier werde auch häufig ein Austritt erwogen. Die passiv Praktizierenden wünschen sich laut der Studie eine möglichst unveränderte Kirche, die sich politisch heraushalte, während die „Engagierten“ den Einsatz der Kirche fordern. Einsetzen solle sich Kirche vor allem für den Frieden und gegen die Armut. Generell finden allgemeine Forderungen Zustimmung, in konkreten Fragen differieren die Meinungen.

Die rechtliche Gleichstellung der Frauen bedeute noch nicht, dass die Evangelischen ein mehrheitlich emanzipatorisches Rollenverständnis vertreten, kommt die Studie zum Schluss. So werde etwa die Berufstätigkeit der Frauen widersprüchlich bewertet. Die religiöse Dimension der Gleichberechtigung ist nur für befragte Frauen in der Großstadt von Relevanz.

Die Präsentation am Mittwochabend war eingebettet in ein zweitägiges Symposion im kardinal-könig-haus, in dem die empirische Untersuchung über die Religion im Leben der Österreicher im Mittelpunkt stand und von Pastoraltheologen und Religionssoziologen aus mehreren europäischen Ländern diskutiert wurde.

ISSN 2222-2464