Professor Körtner: „Auch ethische Konflikte und Entscheidungen haben ihre Zeit“

Beim Theologenkongress forderte der Systematiker einen neuen theologischen Denkstil

Wien (epd Ö) – „Ethik fragt nicht, was immer und überall, sondern was hier und jetzt richtig ist.“ Das erklärte der Vizedekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Univ.-Prof. Dr. Ulrich H.J. Körtner am 23. September in einem Vortrag im Rahmen des XIII. Europäischen Kongresses für Theologie, der von 21. bis 25. September in Wien stattfindet. In seinem Referat zum Thema „Die Kunst der Unterscheidung. Hermeneutik der Grenze und topisches Denken aus theologischer Sicht“ sagte der Systematiker im Großen Festsaal der Universität: „Neben der Kategorie des Raumes ist diejenige der Zeit von höchster ethischer Relevanz. Wie alles seine Zeit hat, so auch ethische Konflikte und Entscheidungen – auch wenn wir dafür oft zu wenig Zeit haben.“ Eine starre Einteilung der Gesellschaft in klar umrissene Funktionsbereiche sei nicht in der Lage, die Dynamik gesellschaftlicher Veränderungen zu erfassen.

Körtner sprach von einer „topischen Ethik“, die auch in theologischer Hinsicht die „Kunst der rechten Unterscheidung und Zuordnung“ voraussetze, „nicht nur von Gesetz und Evangelium, sondern auch von Widerstand und Ergebung“. Der Theologe erinnerte an Dietrich Bonhoeffer und sagte, es gehe um einen „Begriff der Lebensführung, der das Moment der Eigenverantwortung und das passivische Moment des Sich-Führen-Lassens und Geführtwerdens auf theozentrische Weise verbindet“. Das bedeute, „dass die Ethik auch die Grenzen menschlicher Handlungsmöglichkeiten und aktiver, bewusster Lebensführung, und das heißt auch die Grenzen des Ethischen, stets mitzubedenken hat“.

Theologisches Denken muss beweglich sein

Wie Körtner erläuterte, dienen Grenzziehungen der Ortsbestimmung: „Sie eröffnen und strukturieren Räume, in denen wir uns aufhalten und bewegen können. Das gilt auch für das Verhältnis zwischen Gott und Mensch.“ Dennoch gelte: „So theologisch entscheidend die fundamentalen Unterscheidungen zwischen Gott und Mensch oder Gesetz und Evangelium auch sein mögen, so beweglich muss sich doch das theologische Denken zeigen, weil Gott selbst in Bewegung ist. Wie in Christus die göttliche und die menschliche Natur zugleich unterschieden und doch verbunden sind, so bedeutet die Inkarnation, dass die Grenze zwischen heilig und profan, Jude und Grieche, Mann und Frau, Sklaven und Freien aufgehoben ist.“ Körtner forderte einen theologischen Denkstil, „der dem jeweiligen Ort des Denkens, Lebens und Handelns gerecht zu werden versucht“. Solch ein topisches Denken gehe von typischen Situationen und Topoi (Orten) der Themen und Anlässe aus.

Das, so Körtner, komme auch der modernen gesellschaftlichen Entwicklung entgegen, „die eine Bestimmung und Zuordnung klar umrissener Bereiche von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion heute nicht mehr zulässt“.

ISSN 2222-2464