Pratl-Zebinger: „Menschliche Anteilnahme vor politischer Stellungnahme“

"Wenn jemand Erschütterung über ein Schicksal zeigt, zum Beispiel eine Abschiebung, dann ist das schon in gewissem Maße ein Trost für die Betroffenen", sagt die Leibnitzer Pfarrerin Marianne Pratl-Zebinger. Foto: epd/M. Uschmann
"Wenn jemand Erschütterung über ein Schicksal zeigt, zum Beispiel eine Abschiebung, dann ist das schon in gewissem Maße ein Trost für die Betroffenen", sagt die Leibnitzer Pfarrerin Marianne Pratl-Zebinger. Foto: epd/M. Uschmann

Leibnitzer Pfarrerin zieht Bilanz über Flüchtlingsarbeit

Leibnitz/Wien (epdÖ) – Im Herbst 2016 erhielt die steirische Pfarrgemeinde Leibnitz den Diakonie-Sonderpreis für ihr Engagement im Bereich Flüchtlingsarbeit. Eineinhalb Jahre später zieht die Leibnitzer Pfarrerin Marianne Pratl-Zebinger Bilanz über die Integration von AsylwerberInnen und Asylberechtigten: „Als die Flüchtlinge kamen, haben wir den Kontakt zu ihnen noch offensiv gesucht, das ist jetzt nicht mehr der Fall. Die Menschen kommen zu uns.“ Gewandelt habe sich in den vergangenen Jahren vor allem der Zugang zur Flüchtlingsarbeit. Stand anfangs noch diakonisches Engagement im Vordergrund, sei dieses mittlerweile stark durch seelsorgerliche Zuwendung abgelöst worden. Viele Menschen hätten viel Zeit im Haus verbracht, an Deutschkursen teilgenommen, sich taufen lassen, seien Teil der Gemeinde geworden – und hätten dann einen negativen Asylbescheid erhalten. „Aber ich höre immer wieder: Wenn jemand Erschütterung über ein Schicksal zeigt, zum Beispiel eine Abschiebung, dann ist das schon in gewissem Maße ein Trost für die Betroffenen. Da geht es noch nicht um eine politische Stellungnahme, sondern zunächst einfach um menschliche Anteilnahme.“ Zu einzelnen Familien bestehe auch noch nach Abschiebungen Kontakt; auch für österreichische Familien, die Freundschaften zu den Geflüchteten aufgebaut hätten, sei die Situation sehr belastend.

Ein Schwerpunkt der Arbeit der vergangenen Jahre habe im Deutschunterricht gelegen, so Pratl-Zebinger weiter. Bewusst habe sich die Gemeinde dabei gegen fremdsprachige Gottesdienste entschieden. Stattdessen seien Bibeln in den Herkunftssprachen Farsi, Arabisch und Kurdisch aufgelegt worden, in denen die Geflüchteten einzelne Passagen nachlesen konnten. Mittlerweile seien die Deutschkenntnisse jedoch auf so hohem Niveau, dass viele dem Gottesdienst gut folgen könnten. Angesprochen auf die Situation von TaufwerberInnen meint Pratl-Zebinger, dass Taufen in ihrer Gemeinde kein Thema mehr seien: „Aktuell habe ich nur mehr einen Taufwerber, im letzten Jahr war das ein größeres Thema, aber mittlerweile sind fast alle getauft, die das wollten.“

Viele Initiativen in der Gemeinde hätten sich mittlerweile gut etabliert, so zum Beispiel ein regelmäßiges Treffen von österreichischen Kindern und Flüchtlingskindern, eine Trommelgruppe oder Kooperationen mit Vereinen, die unter anderem Kurse für junge Männer zum „Ankommen als Mann in unserer Gesellschaft“ abhielten. „Jetzt planen wir eine regelmäßige Gesprächsreihe: ‚Ich bin ein Exulant‘, in der es um Migrationserfahrungen rund ums Pfarrhaus gehen soll. Gerade in unserer Gegend im Grenzgebiet zu Slowenien wurden ja viele Grenz- und Fluchterfahrungen gemacht, auch weil wir Evangelische hier ja stark in der Minderheit sind.“

Ein ausführliches Gespräch mit Marianne Pratl-Zebinger lesen Sie in der April-Ausgabe der SAAT, die sich unter dem Titel „Geflohen, angekommen, integriert?“ Flüchtlingen in österreichischen evangelischen Pfarrgemeinden widmet.

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ISSN 2222-2464