NÖ: Evangelische Spiritualität im Blickpunkt

Mit evangelischer Spiritualität in Niederösterreich beschäftigte sich das Paul-Weiland-Gedächtnissymposium, das an den 2015 verstorbenen Superintendenten erinnerte. Im Bild Hochschulseelsorgerin Rotraud Perner und Gefangenenseelsorger Markus Fellinger, die beide den Impuls zu diesem Symposium gaben. Foto: epd/Dasek
Mit evangelischer Spiritualität in Niederösterreich beschäftigte sich das Paul-Weiland-Gedächtnissymposium, das an den 2015 verstorbenen Superintendenten erinnerte. Im Bild Hochschulseelsorgerin Rotraud Perner und Gefangenenseelsorger Markus Fellinger, die beide den Impuls zu diesem Symposium gaben. Foto: epd/Dasek

Paul-Weiland-Gedächtnissymposium in Krems

Krems (epdÖ) – Die verschiedenen Aspekte evangelischer Spiritualität in Niederösterreich standen im Fokus des ersten Paul-Weiland-Gedächtnissymposiums am Freitag, 21. Oktober, in der Kirchlichen pädagogischen Hochschule in Krems. Mit der Initiative der niederösterreichischen Hochschulpfarrerin Rotraud Perner sollte an den früheren Superintendenten erinnert werden, der im August des Vorjahrs völlig überraschend verstorben ist.

Superintendentialkuratorin Gisela Malekpour würdigte Weiland als „Brückenbauer zwischen Konfessionen, Religionen und Menschen“, aber auch zwischen Kirche und Politik. Diakonie sei ihm immer ein großes Anliegen gewesen. Bischof Michael Bünker, der als Referent mitwirkte, sprach davon, dass Weiland die Superintendenz Niederösterreich „in ein neues Zeitalter geführt hat, das von seinem Charisma geprägt war“.

Spiritualität, das Thema des Symposiums, definierte der Bischof als „Gestaltwerdung des Glaubens in den Alltag hinein“. Anhand von fünf Beispielen erläuterte Bünker wichtige Aspekte evangelischer Spiritualität in Niederösterreich. So stehe etwa die Pfarrgemeinde Mitterbach für die protestantische Bibel- und Lesefrömmigkeit. „Haben wir die noch? Können wir sie im digitalen Zeitalter noch praktizieren?“, fragte Bünker. Die Lutherkirche in Stockerau, ursprünglich eine Synagoge, sei ein „wichtiges Signal“, dass sich die Stockerauer Gemeinde dieser Geschichte bewusst stelle. Jüdische Wurzeln evangelischer Spiritualität würden so sichtbar gehalten. St. Aegyd wiederum – die evangelische Kirche wurde hier im Zeitalter der Industrialisierung gebaut – sei ein Beispiel dafür, dass die Kirchen im 19. Jahrhundert die Hinwendung zu den Arbeiterinnen und Arbeitern großteils verabsäumt haben. Die Frömmigkeit von so genannten „kirchenfernen“ Menschen dürfe nicht zu gering geschätzt werden, gerade hier spiele die persönliche Beziehung zu den Repräsentanten der Kirche eine besondere Rolle. Die evangelische Kirche in Pressbaum sieht Bünker als Beispiel für eine Zeit, in der Migration die Kirche geprägt hat. In diesem Zusammenhang zeigte sich der Bischof dankbar für das Engagement der niederösterreichischen PfarrerInnen und Ehrenamtlichen für Menschen auf der Flucht. Niederösterreich sei hier die „bestaufgestellte“ Superintendenz.

Ein weiteres Beispiel evangelischer Spiritualität ist für Bünker der neue Kirchenbau in Hainburg, eine von insgesamt fünf neuen Kirchen, die in den letzten Jahren in Niederösterreich gebaut wurden. Das von Wolfgang D. Prix entworfene Gebäude sei nicht nur „zeitnah und aktuell“, sondern halte die „Frage nach Gott offen“. Gefängnisseelsorger Markus Fellinger sprach in Krems von der „Spiritualität der Ausgegrenzten“. Weilands Herz habe „auch für die geschlagen, die man nicht sieht“, so der Seelsorger. Jesus habe sich zu jenen gesellt, die von der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Heute allerdings habe sich „das, was wir christlich nennen“, weit von Jesus aus Nazareth entfernt. „Wäre es nicht viel jesuanischer, wenn wir verzichten, von einem christlichen Land zu reden, sondern vielmehr davon, dass wir ein Land sein wollen, wo sich das Reich Gottes zumindest im Ansatz abzeichnet, wo eben der Glaube, auch der andere, seinen Platz hat und vielleicht in seiner Größe des Vertrauens zum Ansporn des eigenen Glaubens wird?“, fragte Fellinger.

Dass spirituelle Räume zur Gesundheit beitragen, unterstrich die Psychotherapeutin, Theologin und bekannte Buchautorin Rotraud Perner. Spirituelle Gesundheit versteht die ehrenamtliche Hochschulpfarrerin als „Kraft aus der seelisch-geistigen Beziehung zu Gott“, sie erfordere „regelmäßige Reinigung im Sinne von Sich-offen-Machen für dieses ‚Andocken’“. In der heutigen Reizüberflutung werde auch der „spirituelle Erlebnisraum“ oft überfüllt, stattdessen bedeute Reinigung Leere, die nötig sei, um etwas Neues entstehen zu lassen. Dabei komme es nicht darauf an, in welchem Gebäude man sich befinde, sondern „welcher Geist“ dort herrsche. „Wir bilden Kirche gemeinsam“, sagte Perner und plädierte dafür, sich  einen „Begegnungsraum“ mit Gott auch zu Hause zu schaffen. Perner: „Die Atmosphäre eines Ortes schaffen wir in unserer Psyche neu und können sie dadurch zu einem spirituellen Fundament machen, von dem aus wir die Kraft des Feldes stärken, die von vielen ähnlich Denkenden und Fühlenden stammt“.

Eine Tour durch die 500-jährige Geschichte des Protestantismus in Niederösterreich bot der Traiskirchner Pfarrer und Kirchenhistoriker Dietmar Weikl-Eschner, bevor das Gedächnissymposium mit einer Diskussion über evangelische Spiritualität im katholischen Niederösterreich seinen Abschluss fand. An der Debatte beteiligten sich Superintendent Lars Müller-Marienburg, Gefangenenseelsorger Markus Fellinger, Brigadier Martin Jawurek von der Vereinigung katholischer Soldaten und Hermann Dikowitsch vom Amt der NÖ-Landesregierung.

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ISSN 2222-2464