Pannenberg: „Biblischer Schöpfungsbericht übertrifft Darwin an Kühnheit“

Sommerakademie Kremsmünster eröffnet

Linz, 14. Juli 2005 (epd Ö) – Die Entfremdung zwischen Naturwissenschaft und christlichem Schöpfungsglauben beruht auf „unnötigen Gegensätzen“ und ist somit überwindbar. Dies betonte der evangelische Fundamentaltheologe em.Prof. Wolfhart Pannenberg (München) in seinem Eröffnungsvortrag am Mittwoch, 13. Juli, bei der Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster. Die vermeintlichen Gegensätze gingen auf eine „mechanistische“ Naturbeschreibung zusammen mit der Überzeugung von der Anfangs- und Endlosigkeit der Welt im 18. und 19. Jahrhundert zurück, die so in der Naturwissenschaft gar nicht mehr bestehen würden. Mit der Erkenntnis eines sich nach einem Urknall immer mehr ausdehnenden Weltalls und der modernen Quantenphysik, wonach „jedes einzelne Ereignis streng genommen unvorhersehbar neu“ sei, sei das früher vorherrschende „Bild von einer deterministisch rigiden Geschlossenheit des Naturgeschehens“ aufgebrochen und kompatibel mit den biblischen Berichten über den Ursprung der Welt, so Pannenberg.

Als einen „vielleicht doch unnötigen Konflikt“ bezeichnete der Theologe auch die Kämpfe christlicher Theologen gegen die Evolutionstheorie Darwins. Denn die Bibel würde in ihrem Schöpfungsbericht „alles, was Darwin zu behaupten wagte, an Kühnheit übertreffen“. Die Genesis habe zwar die Idee einer Evolution der Lebensformen noch nicht gekannt, wohl aber die Vorstellung (Gen 1,24), dass die Erde – also anorganische Materie – unmittelbar Säugetiere hervorbringt. Das sollte die „Kreationisten“, die noch heute den Kampf gegen den Darwinismus fortsetzen, „milde stimmen“, merkte Pannenberg an.

Er erinnerte daran, dass es schon früh überzeugende theologische Rezeptionen von Darwins Evolutionstheorie gab, die die Entstehung der Arten durch ein quasi mechanisches Zusammenwirken von zufälligen Varianten des Lebens und einer Selektion durch Umweltbedingungen erklärte. Ein Kreis britischer Theologen habe darin noch vor dem Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert den Durchbruch zu einem ganz neuen Bild des Naturgeschehens gesehen – nämlich als einer Geschichte des Lebens von primitiven Anfängen bis zum Menschen, die als Vorgeschichte der Heilsgeschichte Gottes mit der Menschheit zu sehen sei.

Die theologische Auslegung des Schöpfungsglaubens muss sich laut Pannenberg positiv auf die Welt der Natur beziehen – „und zwar so, wie sie von den Naturwissenschaften beschrieben wird“. Das sei schon im biblischen Schöpfungsbericht der Fall gewesen, der den Stand der damaligen Welterkenntnis widerspiegle. Es sei falsch, sich auf einzelne biblische Vorstellungen zu versteifen, die einen heute längst überholten Wissensstand repräsentieren.

Naturwissenschaften und Schöpfungsglaube können sich nach den Worten Pannenbergs nicht gleichgültig zueinander verhalten, „denn es geht bei beiden um dieselbe Welt“. Der Glaube an Gott als den Schöpfer des ganzen Universums ist laut Pannenberg jedenfalls genuiner Bestandteil des Christentums, ohne diesen im Alten Testament verankerten Glauben „können auch wir nicht in unserem Leben mit Gott rechnen, ihm vertrauen und uns auf ihn verlassen“.

Bei der diesjährigen Sommerakademie im Stift Kremsmünster mit dem Titel „Mit Gott rechnen“ behandeln namhafte Wissenschaftler aus dem In- und Ausland das Verhältnis von Naturwissenschaften und christlicher Theologie aus verschiedenen Blickwinkeln.

Ein Graben zwischen Naturwissenschaften und Glauben sei nicht notwendig, betonte der oberösterreichische Superintendent Mag. Hansjörg Eichmeyer bei der Eröffnung. Für viele Menschen stehe Gott als Verursacher und Sinngeber hinter der „wunderbaren Welt mit ihren fantastischen Zusammenhängen“. Eichmeyer erinnerte an Albert Einstein, für den „bekanntlich ein Schöpfergott nicht entbehrlich“, sondern vielmehr „die Summe der Gesetze und Ordnungen dieser Welt“ gewesen sei. Oberin Christine Gleixner, Vorsitzende des mitveranstaltenden Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), sagte in ihrem Grußwort, dass die Schöpfungstheologie oft nicht angemessen beachtet werde. So habe der Schöpfergott keinen eigenen Platz im katholischen Kirchenjahr, wohingegen die orthodoxe Kirche den 1. September als „Schöpfungstag“ feiere.

Der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer bezeichnete die durch Kardinal Christoph Schönborn entfachte Evolutionsdebatte als „wichtig für die Gesellschaft und somit auch für die Politik“. Die Theologie habe die wichtige Aufgabe, der Wissenschaft ethische Grundsätze und allgemein gültige Werte zu definieren, so Pühringer. Auch Helmut Obermayr, Landesdirektor des mitveranstaltenden ORF Oberösterreich, merkte zur laufenden Evolutions-Diskussion an, die große Resonanz in den Medien zeige, dass diese Auseinandersetzung „längst überfällig“ gewesen sei.

„Natur an sich gibt es nicht“

„Die Natur an sich gibt es nicht. Es gibt lediglich Interpretationen“: Das betonte Karen Gloy, Philosophie-Professorin in Luzern und Wien in ihrem Vortrag bei der Sommerakademie. Natur sei „ein kulturspezifisches Produkt“ der Erwartungen, Wünsche und Sehnsüchte des Menschen. Gloy unterschied zwei Zugangsweisen: Es gebe das „mechanistische“ und das „lebensweltliche“ Naturverständnis. Für die heutige Ökologiekrise sei unzweifelhaft das mechanistische Naturverständnis verantwortlich, das sich im 17. und 18. Jahrhundert herausgebildet habe, das die Natur zum Objekt und Herrschaftsinstrument mache. Die zunehmende Umweltzerstörung stelle die Frage nach dem angemessenen Verhalten gegenüber der Natur neu. Es sei Aufgabe einer „ökologischen Ethik“, die Reflexion darüber in Gang zu bringen.

„Theologie kann keine Naturvorgänge erklären“

„Die Theologie hat keine Kompetenz, die Prozesse der Naturvorgänge zu erklären. Dies ist und bleibt im Kompetenzbereich der Naturwissenschaften“, sagte der Linzer Theologe Prof. Franz Gruber am Rande der Ökumenischen Sommerakademie in Kremsmünster. Es gebe auch keine wissenschaftlichen Kriterien, entscheiden zu können, ob Evolution zielgerichtet ist. Im Blickwinkel des Glaubens seien Kosmos, Leben, Evolution etc. darauf ausgerichtet, Gottes Spuren zu erkennen, so Gruber. Die Religion habe die Pflicht, die Grenzen eines auf Naturalismus oder Biologismus reduzierten Menschenbildes aufzuzeigen.

ISSN 2222-2464