Pädagoge Biesinger: „Beruf ist keine Gott-freie Zone“

"Dass alle Christinnen und Christen Geistliche sind, weil wir alle vom Geist Gottes erfüllt sind, das haben wir aus der Reformation heraus aufgenommen. Und ich betone: dankbar aufgenommen", sagt der römisch-katholische Religionspädagoge Albert Biesinger. (Foto: epdÖ/S.Janits)
„Dass alle Christinnen und Christen Geistliche sind, weil wir alle vom Geist Gottes erfüllt sind, das haben wir aus der Reformation heraus aufgenommen. Und ich betone: dankbar aufgenommen“, sagt der römisch-katholische Religionspädagoge Albert Biesinger. (Foto: epdÖ/S.Janits)

Beruf sei Dienst an Gott sowie an der Umwelt und Mitwelt

Wien (epdÖ) – „Bildung, Reformation und Beruf“ – unter diesem Titel stand die zweite Vorlesung im Rahmen der Ringvorlesung „Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute“ am 15. April in Wien. Zu Gast war der emeritierte katholische Religionspädagoge Albert Biesinger, der im Lauf seiner Universitätskarriere auch neun Jahre lang in Salzburg unterrichtete und forschte.

Beruf und Berufung seien kein Widerspruch, zeigt sich Biesinger überzeugt. „Der Beruf ist keine Gott-freie Zone. Es gibt kein theologisches Recht, Gott aus dem Bereich der Arbeit auszugrenzen. Arbeit ist sehr wohl ein Bereich, der mit Gottes-Kommunikation zu tun hat.“ Menschen könnten aus ihren Berufen auch eine Berufung machen, dies sei keine Frage von Ordination – die Biesinger hier in einem katholischen Sinne versteht – oder von klerikaler Überhöhung. Während die Reformation dies schon sehr früh verstanden und die Idee des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen entwickelt habe, sei dieser Gedanke erst durch das Zweite Vatikanische Konzil für die Römisch-katholische Kirche fruchtbar gemacht worden. „Dass alle Christinnen und Christen Geistliche sind, weil wir alle vom Geist Gottes erfüllt sind, das haben wir aus der Reformation heraus aufgenommen. Und ich betone: dankbar aufgenommen.“

Biesinger kritisiert die Reduzierung des Gottesdienstes auf den liturgischen Vollzug in der Kirche: „Beruf ist Berufung. Beruf ist Dienst an Gott und an unserer Mitwelt und Umwelt.“ Er geht davon aus, dass das Christentum seine Relevanz endgültig verlieren werde, wenn Gott nicht mehr im alltäglichen Leben, das heißt auch im Berufsleben, vorkomme.

Die Aufgabe der Religionspädagogik sieht der Experte einerseits darin, Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst anleiten zu können, auch in Fragen der Religion. Diese Kompetenzbefähigung funktioniere nur über Begleitung: „Und wir müssen Menschen so begleiten, dass sie ihre eigenen Wirklichkeitsdeutungen generieren können. Religionspädagogik soll also Interesse wecken. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass Menschen automatisch Interesse an Religion haben.“ Letztlich gehe es aber auch darum, Beruf wieder als eine Gabe und „Auf-Gabe“ zu sehen, wie dies in vielen Entwürfen zu einer Theologie der Arbeit zum Ausdruck komme.

Die Ringvorlesung „Reformation als Herausforderung für die Bildungslandschaft heute“ wird von mehreren Fakultäten der Universität Wien, von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems sowie der Evangelischen Kirche in Österreich veranstaltet. Weitere Informationen zur Ringvorlesung und alle weiteren Termine finden Sie hier.

ISSN 2222-2464