Orthodoxie: Mehr Sensibilität und Respekt

Ökumenische Fachtagung in Wien zur Weltgebetswoche für die Einheit der Christen

Wien, 22. Jänner 2003 (epd Ö) Mehr „Sensibilität und Respekt“ seien notwendig, um die Auseinandersetzungen um die katholischen und protestantischen Missionsaktivitäten in traditionell orthodoxen Gebieten zu überwinden, sagte der österreichische griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos zum Abschluss der Fachtagung „Ökumene und Mission“ im Wiener Kardinal-König-Haus am Samstag, 18. Jänner. Zum Auftakt der Tagung im Zeichen der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen hatte die Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Oberin Christine Gleixner, darauf verwiesen, dass „Ökumene und Mission“ heute zu einem „weltweit belastenden Spannungsfeld“ geworden seien. „Vertrauensbildende Schritte in die Zukunft“ seien dringend notwendig. An der Tagung nahmen u.a. auch der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm, der Wiener Superintendent Werner Horn und der römisch-katholische Weihbischof Helmut Krätzl teil.

Leider müsse man sagen, dass die Kirchen nach der „Wende“ versagt hätten, weil sie nicht imstande waren, ein gemeinsames christliches Zeugnis zu geben, unterstrich Metropolit Staikos. Auch innerhalb der Orthodoxie habe es Streit gegeben. Mission als „gemeinsames christliches Zeugnis“ sei höchst notwendig; die „Charta Oecumenica“ als Grundlage für die Regelung der Beziehungen zwischen den christlichen Kirchen in Europa dürfe nicht in den Schubladen verstauben. Zugleich betonte der Wiener griechisch-orthodoxe Metropolit seine überaus restriktive Praxis bei Konversionen; nur drei Prozent der Interessenten würden aufgenommen. Die orthodoxe Kirche wolle kein Hafen für Katholiken oder Evangelische sein, die mit ihren Kirchen unzufrieden sind.

Auch der rumänisch-orthodoxe Theologe Viorel Ionita, der bei der „Konferenz Europäischer Kirchen“ (KEK) in Genf tätig ist, stellte in der Abschlussdiskussion der Ökumene-Tagung fest, viele Auseinandersetzungen ließen sich vermeiden, wenn im Westen die Sensibilität größer wäre. Im Übrigen müsse man sich fragen, warum viele „Missionare“ etwa aus den USA sich nicht der dutzenden von Millionen Ungetauften in den Vereinigten Staaten annehmen oder das Evangelium in der Tschechischen Republik bzw. in den ostdeutschen Bundesländern verkünden, wo es ebenfalls Millionen von Ungetauften gebe.

Den „Weg der versöhnten Verschiedenheit“ betonte der deutsche evangelische Theologe Prof. Dieter Becker (Neuendettelsau). Die praktischen Konsequenzen schilderte Becker am Beispiel deutscher evangelischer Landeskirchen, die Gemeinden afrikanischer Immigranten als Partner akzeptieren und ihnen auch die kirchliche Infrastruktur zur Verfügung stellen. Die Mitglieder dieser afrikanischen Diaspora-Gemeinden rekrutieren sich zumeist aus den so genannten „Independent churches“ auf dem afrikanischen Kontinent, von denen bisher nur wenige – etwa die Eglise Kimbanguiste im Kongo – an der ökumenischen Bewegung teilnehmen.

Der Münchner katholische Theologe Prof. Peter Neuner plädierte in der Abschlussdiskussion für mehr ökumenische Initiativen „an der Basis“. Im Bereich des theologischen Dialogs sei schon viel erreicht, aber an der Basis, in den Gemeinden, gebe es noch ungeheuren Nachholbedarf. Neuner: „Wir dürfen uns – abgesehen von der Interkommunion – keine Illusionen über die ökumenische Aufgeschlossenheit der Gemeinden machen.“

ISSN 2222-2464