ORF-Publikumsrat – Sechs Stiftungsräte gewählt

Muliar, Graf, Konrad, März, Seipel und Küberl im obersten ORF-Gremium – Knoll: Kein Feigenblatt für Repolitisierung des ORF

Wien, 17. Oktober 2001 (epd Ö) In seiner ersten Sitzung am Dienstag hat der ORF-Publikumsrat sechs Mitglieder für den künftigen Stiftungsrat des ORF nominiert. Drei davon waren aus dem Kreis der im September via Direktwahl ermittelten Publikumsräte zu wählen. Nach einer äußerst kontroversiellen Diskussion wurden schließlich der Schauspieler Fritz Muliar, die Leichtathletin Stephanie Graf, „TXO“-Star Andrea Konrad, der Boku-Rektor und derzeitige Vorsitzende des ORF-Kuratoriums, Leopold März, Caritas-Präsident Franz Küberl sowie Wilfried Seipel, Direktor des Kunsthistorischen Museums, zu neuen Stiftungsräten gekürt. Damit setzte sich ein Wahlvorschlag des VP-nahen Publikumsrats Karl Guschlbauer (Landwirtschaftskammern) durch.

Zu Debatten im Vorfeld der Wahl führte die Frage, ob die stimmenstärksten „Sieger“ der Faxwahl – Muliar, die evangelische Superintendentin Gertraud Knoll und Graf – auch in den Stiftungsrat einziehen sollten. Guschlbauer schlug statt Knoll Andrea Konrad vor. Dies stieß jedoch auf Kritik bei Knoll selbst, aber auch bei ÖGB-Vertreter Willi Mernyi und dem reformierten Landessuperintendenten Peter Karner. Mernyi: „Unser Publikum hat hier abgestimmt. Ich bitte dringend, hier nicht über Personen zu diskutieren, sondern das Votum des Publikums ernst zu nehmen.“ Auch Karner gestand zwar ein, „dass wir gesetzlich nicht an die Publikumswahl gebunden sind, aber sie ist eine enorme Vorgabe“.

Dennoch wurde Guschlbauers Vorschlag schließlich mit 18 (von 34) Stimmen angenommen. Eine Stimme ging dem eigentlich 35-köpfigen Gremium am Dienstag ab: Andrea Konrad war nicht zur Sitzung erschienen und hatte ihre Stimme auch an niemanden delegiert. Ihren Einzug in den ORF-Aufsichtsrat konnte sie daher nicht live miterleben.

In einer ersten Reaktion übte die evangelische Superintendentin Gertraud Knoll scharfe Kritik an der Regierung, der sie vorwarf, ihren Einzug in den Stiftungsrat verhindert zu haben. „Wenn eine Wahl nicht so ausgeht wie gewünscht, gibt es offenbar immer noch die Möglichkeit, dass aus dem Dritten der Erste wird“, sagte Knoll gegenüber epd Ö. Sie wolle sich „sehr gut überlegen“, ob sie weiterhin dem Publikumsrat angehören wolle, über dem ursprünglich die Überschrift der Entpolitisierung und Demokratisierung des ORF gestanden sei. Als „Feigenblatt“ für eine de-facto neue Repolitisierung wolle sie nicht herhalten.

Auch der reformierte Landessuperintendent Peter Karner bewertete nach der gestrigen Sitzung den Publikumsrat als „absolut politisches Gremium“ und kritisierte die Tendenz, „mit gewissen demokratischen Vorgangsweisen Probleme zu haben“. Erst nach mühsamen sitzungstechnischen Vorgängen konnten „wenigsten demokratische Mindeststandards“ geschaffen werden, sagte Karner.

Kritik kommt auch vom Dachverband der Elternvereine an Pflichtschulen, der Gertraud Knoll für den Bereich Familie/Eltern nominiert hatte. „Es ist skandalös, dass die Mehrheit des Publikumsrates das Wahlergebnis missachtet“, heißt es in einer Aussendung vom Mittwoch. Offenbar sei Gertraud Knoll als unabhängige Kandidatin vielen Politikern „zu unbequem“, vermutet der Vorsitzendes des österreichischen Verbandes, Kurt Kremzar.

Der Publikumsrat wird erst nächstes Jahr wieder zusammentreten: Die zweite Sitzung wurde für den 14. Jänner 2002 anberaumt.

ISSN 2222-2464